Archive for the ‘Allgemein’ Category

Zwillinge

Freitag, Juni 27th, 2008

Ein eineiiges Zwillingspaar, ca. 12 Jahre alt, fragte mich, wer denn auf der Welt wäre, wenn die Eizelle, aus der sie entstanden sind, sich nicht kurz nach der Befruchtung vollständig geteilt hätte. Es wäre dann ja jemand entstanden mit den gleichen Genen wie sie. Wäre das jetzt einer von ihnen, oder ein ganz anderer Mensch?

Wer weiß die Antwort?

Noch mal: warum bin ich ICH ?

Freitag, Februar 29th, 2008

Die nach oben weisenden Striche symbolisieren z.Z. lebende Menschen, die nach unten weisenden bereits gestorbene Menschen. Alles beginnt mit dem Mensch Nr. 1, der hypothetischen Lucy, und endet mit dem stetig fortschreitenden Jetzt-Zustand.

Unter den Lebenden kommt einem, dem Menschen Nr. X, eine für mich besondere Bedeutung zu, weshalb er in der Zeichnung rot markiert ist. Dieser Mensch bin nämlich ICH. Nur warum bin ich ausgerechnet der Mensch Nr. X, und nicht Mensch Nr. X-1 oder X+1 oder irgend ein anderer von den dort Aufgeführten?

Worin unterscheiden sich die einzelnen Menschen? Ein verlässliches Unterscheidungs- Merkmal ist die Historie jedes Menschen, denn diese ist für jeden Menschen einmalig. Jeder Mensch, jedes Tier, jede Pflanze, jeder Stein hat seine einzigartige Historie. Das Besondere beim Menschen, und wohl auch bei anderen höheren Tieren ist es nun, dass diese Historie im Gehirn gespeichert wird. Ich weiß von meiner Vergangenheit: wer das und das in der bestimmten Reihenfolge erlebt hat, der bin ICH. Damit wird auch klar, dass ich als Individuum nur existiere, solange ich mir meiner Historie bewusst werden kann. Ein individuelles Weiterleben nach dem Tode kann es nicht geben.

Der Rückgriff auf Vergangenes macht mich zu einem zeitlichen Wesen. Jede Wahrnehmung wird mir erst eine kurze Zeit später bewusst. Damit wird klar, welche Bedeutung die Zeit für des Sein jedes Einzelnen von uns hat. Nun ist die Zeit aber etwas, das wir aus einer uns in seiner Gesamtheit nicht zugänglichen Welt “konstruieren”. Wir erschaffen selbst unsere Zeit, in der wir leben, und damit erschaffen wir uns die Grundlage unserer Historie, die uns zum Individuum macht. Wir erschaffen uns selbst als Individuum! Mensch Nr. X hat auf Grund seiner physischen Beschaffenheit die Möglichkeit, sich als zeitliches Individuum zu erschaffen. Daraus erkennen wir aber auch, dass es da noch etwas geben muss, das jenseits von Zeit und Individualität vorhanden ist, etwas, das ungeschaffen ist, und aus dem Mensch Nr. X sich selbst für eine Zeitspanne als Individuum erschafft. Mein wesentliches Sein befindet sich jenseits von Zeit und Individualität.

Damit wird klar, wie aus einem in die Welt geborenen Menschen ein Individuum mit ICH- Bewusstsein wird. Weshalb nun aber der Mensch Nr. X ausgerechnet ICH bin, ist damit allerdings keinesfalls geklärt. Wenn die Eizelle, aus der ich entstanden bin, von einer anderen Spermie befruchtet worden wäre, gäbe es mich dann nicht, sondern stattdessen meinen Bruder oder meine Schwester? Für einen Außenstehenden stellt sich diese Frage nicht. Da wäre einfach ein Mensch Nr. X.

Wenn tatsächlich die Erbstruktur für mein spezielles ICH- Bewusstsein entscheidend wäre, dann wäre eine Voraussetzung meines ICH- Seins ja auch, dass meine gesamte Ahnenreihe bis an die Anfänge des Lebens genau so verlaufen sein müsste, wie sie verlaufen ist. Dann wäre meine Existenz als ICH erstens von einer absurd geringen Wahrscheinlichkeit, und zweitens wäre das Problem nur verschoben, denn wir wüsten dann nicht, wie aus der Erbstruktur mein spezielles ICH- Bewusstsein entsteht. – Wir können diesen Gedankengang wohl getrost beiseite legen.

Machen wir uns noch einmal die Situation klar: Jeder Mensch hat ein Ich- Bewusstsein. Als Mensch Nr. X geboren wurde, und er sich als “normal” entwickelt herausstellte, konnte er gar nicht anders, als im Laufe der ersten Lebensjahre ein Ich- Bewusstsein zu entwickeln. Nur das Ich- Bewusstsein von Mensch Nr. X ist MEIN ICH- Bewusstsein! Was macht X zu MIR? Es kann nur mit der Individualisierung zusammen hängen. Mensch Nr. X hat im Laufe seines Lebens festgestellt, dass er sich körperlich von anderen Menschen unterscheidet, und dieser Vorgang führte zu einer Loslösung des ICH- Bewusstseins aus einem allgegenwärtigen ewigen Bewusstsein.

Ich glaube nicht, dass diese Frage durch “Naturalisierung” beantwortet werden kann. Wir müssen uns wohl eingestehen, dass es Dinge gibt, die rätselhaft bleiben, die wir einfach hinnehmen müssen. Die Tatsache unserer flüchtigen Individualität, die wir uns selbst erschaffen, weist darauf hin, dass das eigentliche Sein sich wohl jenseits der Individualität abspielt.

Bin ich wirklich ICH?

Donnerstag, Januar 3rd, 2008

Im Jahre 1938 stellten mir meine Eltern einen Körper zur Verfügung, den ich seitdem vorübergehend bewohne. 

Bin ich wirklich ICH?

Sicher eine sehr merkwürdige Frage. Natürlich bin ich doch ICH, wer denn sonst? Im Englischen würde man die Worte “I” für ich und “me” für ICH benutzen. Die Schreibweise “ich” und “ICH” hat also seinen Grund. “ich” ist die Betrachtung aus der Außensicht, “ICH” aus der Innensicht, der 1.Person-Perspektive.

Folgende Tatsachen:

1 (eine “strange loop”): Die Natur hat evolutionär Wesen hervorgebracht, die in der Lage sind zu erkennen, dass die Natur evolutionär Wesen hervorgebracht hat, die in der Lage sind zu erkennen, dass …..

2 (noch eine “strange loop”): Eins dieser Wesen mit der fiktiven Seriennummer X sitzt hier und jetzt am Schreibtisch, denkt darüber nach, und schreibt das Gedachte auf dieses Blatt Papier, so dass darauf steht, dass eins dieser Wesen ….

3: Dieses Wesen Nr. X (“I”) hat das subjektive Bewusstsein von ICH (“me”), X könnte irgend jemand sein; dadurch, dass ICH mit dem Wesen Nr. X gekoppelt bin, wird mir diese Tatsache erst bewusst. Wenn es zwar dieses Wesen Nr. X gäbe, dieses Wesen aber nicht ICH, sondern irgend jemand anderes wäre, mich als ICH also nicht geben würde, dann könnte trotzdem jemand mit der Seriennummer X hier sitzen und genau den gleichen Text schreiben; einem Außenstehenden wäre das einerlei. Nur ICH würde es ja auch nicht merken, da es mich ja dann nicht geben würde. Da es mich aber ja offensichtlich gibt, muss ICH, so ist die Natur beschaffen, auch einen Körper mit einer bestimmten Seriennummer besitzen.

4: Warum aber gerade der Körper mit der Seriennummer X ? Wenn die Eizelle, aus der ich entstanden bin, von einer anderen Spermie befruchtet worden wäre, wäre das Wesen Nr. X dann mein Bruder oder meine Schwester, und mich gäbe es dann nicht? Müsste dann, damit ich ICH bin, meine Ahnenreihe bis an die Anfänge des Lebens genau so verlaufen sein, wie sie verlaufen ist? Dann wäre meine Existenz als Subjekt von einer grotesk geringen Wahrscheinlichkeit.

5: Damit Bewusstsein, und speziell auch ICH-Bewusstsein entsteht, ist ein gewisser Komplexgrad der Materie, dem Gehirn, notwendig. Nur solche komplexen Gehirne gab und gibt es viele Milliarden auf der Welt, und ausgerechnet dieses eine hier und jetzt besitzt dieses einmalige und individuelle ICH-Bewusstsein.Die Serien-Nummer X ist nur einmal vergeben. Körper Nr. X ist also einmalig auf der Welt. Dieser Körper ist aufgrund seines Gehirns und seiner Sinnesorgane so beschaffen, dass er ICH-Bewusstsein entwickeln kann.

6: Ich kann als ICH-Bewusstsein nur existieren durch Bindung an einen Körper, der so beschaffen sein muss, dass er ICH-Bewusstsein entwickeln kann, und der einmalig auf der Welt ist.

These:

7: Der zufällige und einmalige Körper Nr. X, der auf Grund seiner Struktur zu ICH-Bewusstsein fähig ist, bindet eine allgemeine, nicht individuelle Form von Bewusstsein an sich, die dann, da der Körper Nr. X einmalig ist, auch einmalig sein muss.

8: Da ICH somit als Bewusstsein gar nicht individuell bin, mir dieses nur auf Grund der Einmaligkeit des Körpers Nr. X, an den das allgemeine Bewusstsein gebunden ist, so scheint, kann die Ausgangsfrage “Bin ich wirklich ICH?” nur mit NEIN beantwortet werden. Wahr ist: ICH bin ein Universal-Bewusstsein, das, da es von einem individuellen Körper (Nr. X ) wahrgenommen wird, sich selbst für individuell hält.

9: Was wir als Bewusstsein erleben, ist ein aus einer allumfassenden Entität von unserem Gehirn gebildetes Konstrukt. Das bedeutet aber auch, dass anders geartete Lebewesen, aber auch andere Schichten von uns selbst aus dieser allumfassenden Entität ganz andere Konstrukte bilden können. Z.B. hat eine Katze höchstwahrscheinlich kein ICH-Bewusstsein, wie wir es kennen. Trotzdem erlebt die Katze intensiv etwas, wenn sie sich behaglich in den warmen Sonnenstrahlen ausstreckt. Diese Form des Erlebens wird aus der gleichen Quelle gebildet wie das Erleben des Bewusstseins, und speziell auch des ICH-Bewusstseins.

Du gleichst dem Geist, den du begreifst, Nicht mir! (Goethe)

10 (noch eine “strange loop”): Geist möchte sich selber begreifen. Dabei findet ein Regress mit einem Ebenen-Wechsel statt. Das erinnert sehr stark an Gödels Unvollständigkeitssatz. Dort tritt z.B. die Antinomie vom Lügner auf: “Diese Aussage ist falsch”. Ist sie wahr, dann ist sie falsch, ist sie aber falsch, dann ist sie wahr, etc. Also eine “strange loop”. Gödel hat gezeigt, dass Aussagen dieser Art grundsätzlich nicht zu eliminieren sind. Die mathematische Logik ist deshalb unvollständig. Beim Lügner wird eine Aussage über eine Aussage gemacht. Beim Geist, der sich selbst begreifen will, findet etwas Ähnliches statt. Deshalb ist es möglich, dass wir unseren eigenen Geist grundsätzlich niemals vollständig begreifen können. Es gibt da etwas, aus dem das Gehirn des Körpers Nr. X sein Ich-Bewusstsein bildet. Nur was dieses Etwas ist, das können wir vermutlich niemals erfahren.

Warum bin ich ICH ?

Montag, August 27th, 2007

Warum bin ich ICH ?

Noch einmal diese Frage: wie kommt es, dass dieser zufällige Körper Nr. X, einer von vielen Milliarden, die es bisher gegeben hat, und die es zur Zeit gibt, mit meinem subjektiv empfundenen ICH gekoppelt ist? Im Folgenden verstehe ich unter dem großgeschriebenen “ICH” immer das aus der Erste-Person-Perspektive betrachtete subjektiv empfundene ich.

Was wäre geschehen, wenn die Eizelle, aus der ich entstanden bin, von einer anderen Samenzelle befruchtet worden wäre, nehmen wir der Einfachheit halber an, auch eine mit Y-Chromosom? Dann gäbe es auch einen männlichen Körper Nr. X, aber würde es mich als ICH auch geben, oder gäbe es stattdessen einen Bruder von mir mit seinem eigenen ICH, und mich als ICH gäbe es nicht? Das Vertrackte dabei ist ja, dass für einen Außenstehenden diese Frage völlig irrelevant ist. Für ihn wäre da ein Körper Nr. X mit seinem eigenen ICH. Die Frage gibt nur dann einen Sinn, wenn sie aus der Erste-Person-Perspektive gestellt wird. Warum bin ich also ICH?

Versuchen wir es zunächst noch mal mit einer “Naturalisierung”, d.h. versuchen wir, diese Frage durch Reduktion auf physikalische Vorgänge zu beantworten. Es käme in Frage:1. meine Erbinformation: Hier gibt es zwei Probleme:

a: wenn meine Erbinformation zu meinem ICH geführt haben sollte, dann müsste meine gesamte Ahnenreihe bis in die Anfänge des Lebens genau so beschaffen sein wie sie ist, und mein ICH wäre von einer grotesk geringen Wahrscheinlichkeit.

b: da es eineiige Zwillinge gibt, die unterschiedliche ICHs haben, kommt die Erbinformation schon deshalb nicht in Frage.

2. meine Historie: Ich kann mich zwar im Nachhinein mit meiner Historie identifizieren (der das erlebt hat, der bin ICH), nur hat sich meine Entwicklung in weiten Teilen zufällig vollzogen, und wird es auch zukünftig tun, so dass meine Historie nicht zu einem stabilen ICH führen kann.

3. der Raumzeitpunk meiner Geburt oder Zeugung oder eines Raumzeitpunktes dazwischen: Dann müsste allerdings die Raumzeit bisher noch völlig unentdeckte Eigenschaften aufweisen, die z.Z. noch “mystisch” anmuten würden. Nun ist nicht auszuschließen, dass ein solcher Zusammenhang eines Tages entdeckt wird. Ich halte das allerdings für unwahrscheinlich.

4. mein Gehirn: Für eine Reduktion auf Hirnfunktionen kommt nur die Historie in Frage, denn diese wird im Gehirn gespeichert. Wir haben aber gesehen, dass die Historie zur Bestimmung des ICH ausscheidet. Wenn noch andere Eigenschaften des Gehirns zu meinem ICH führen würden, dann wären diese allerdings hochgradig seltsam. Wo sollte denn im Gehirn des Körpers Nr. X dieses einzigartige Etwas lokalisiert sein, das zu genau diesem ICH geführt hat?

Wir kennen aus der Schizophrenie, dass ein Körper auch mehrere ICHs haben kann, aber ist das Umgekehrte auch möglich, das ICH auf mehrere Körper verteilt? Das würden wohl die meisten von uns spontan zurückweisen, ich weiß doch, dass ich zu genau diesem Körper Nr. X gehöre, und zu keinem anderen.

Nur nehmen wir mal an, es wäre tatsächlich so, dass mein ICH auf mehrere Körper verteilt wäre. Könnte der Körper Nr. X denn überhaupt davon erfahren? Das mit meinem Körper Nr. X gekoppelte ICH kann nur auf die in dem Gehirn des Körpers Nr. X gespeicherte Historie zugreifen und sich damit identifizieren. Befindet sich das ICH zusätzlich in einem anderen Körper, dann kann es sich nur mit der Historie dieses anderen Körpers identifizieren, der Körper Nr. X erfährt davon nichts.

Wir können also durchaus annehmen, dass es überhaupt nur ein ICH gibt, das auf alle Körper verteilt ist, und nur die Historie jedes einzelnen Körpers gibt diesem das Gefühl der Individualität. Aus dem ICH ist jetzt etwas geworden, das uns unter dem Begriff „Allheit“, „Weltseele“, „Weltgeist“ „Tao“, etc. bekannt ist, womit wir dann schließlich bei alten Bekannten der Philosophie-Geschichte gelandet wären, und bei dem Brahman = Athman der Brahmanen. Das tat twam asi passt auch sehr gut dazu.

Es gibt materielle Individuen und nur eine einzige Seele !

Die materiellen Individuen sind, sofern es sich um Lebewesen handelt, gewissermaßen die „Sinnesorgane“ der Seele. 

Dadurch erhalten wir auch einen Bezug zu meinem Artikel „Ästhetik“. 

Diese Theorie ist anti-reduktionistisch, und zunächst auch dualistisch. Wie ich in dem Beitrag „Ich-Gefühl und individuelle Historie“ dargelegt habe, kann der Dualismus von einer höheren Warte aus betrachtet zum Monismus werden, bei dem Geist und Körper Teile einer übergeordneten Einheit sind.

Natürlich ist mir klar, dass diese Theorie nicht falsifizierbar ist, es sich also um keine wissenschaftliche Theorie handelt. Die Frage ist nur, ob das ICH-Problem überhaupt vollständig wissenschaftlich gelöst werden kann, oder ob es nicht notwendig ist, Theorien hinzuzufügen, die eher der Mystik zuzuordnen sind. Vielleicht können wir auf den Glauben nicht ganz verzichten, wodurch für das Leben eine gewisse Offenheit gewahrt bleibt, die das Leben doch irgendwie spannender macht.

Vielleicht beweist uns ja eines Tages ein „Gödel Nr. 2“, dass unser gesamtes Wissen prinzipiell ebenso unvollständig ist wie die mathematische Logik. Die Reduktionisten befänden sich dann in der Rolle eines „Hilbert Nr.2“.

Ästhetik

Samstag, August 11th, 2007

Ästhetik

Warum singen Vögel so schön, warum sind sie so bunt ? Vögel singen nicht für uns Menschen, sondern um ihren Weibchen zu imponieren, und aus dem gleichen Grund haben sie ihr prächtiges Federkleid. Offensichtlich haben Vogelmännchen und Menschen einen ähnlichen Geschmack.

Man könnte Schönheit rein physikalisch begründen: harmonische Obertöne, Komplementärfarben etc. Tatsache ist aber ja, dass wir etwas fühlen, wenn wir Vogelgesang hören oder sein buntes Federkleid sehen. Für die Evolution ist Fühlen nicht notwendig. Es würde völlig ausreichen, wenn das Vogelweibchen auf den Gesang und das Aussehen des Männchens einfach nur reagiert. Offensichtlichen lassen sich nicht ale Eigenschaften des Lebens evolutionär begründen.

In meinem Beitrag Ich-Gefühl und individuelle Historie habe ich die These aufgestellt, dass unsere materielle Welt nur eine Teilmenge einer möglicherweise unendlichen und ewigen über-individuellen Entität ist. Es ist der zeitlose, ewige Ursprung, aus der alle Individuen ihren zeitlich begrenzten Anfang nehmen, und in dem alle Individuen der Welt miteinander verbunden sind. Diese Entität ist dann auch der Ursprung des Ästhetischen, und von daher ist zu verstehen, weshalb alle Lebewesen, deren Gehirne Bewusstsein entwickeln können, einen ähnlichen „Geschmack“ haben wie wir Menschen.

Wie sieht es mit dem Farbensehen aus? Auf unsere Netzhaut treffen Photonen mit einer Wellenlänge von 700 nm. Was wir aber sehen, ist die Farbe rot. Niemand kann sagen, ob alle Menschen die Farbe rot gleich sehen, rot-grün-blinde Menschen sicherlich nicht. Farbwahrnehmung kann nur aus der Erste-Person-Perspektive erlebt werden.

Wer Farben wahrnehmen kann, ist in der Lage, die Welt differenzierter wahrzunehmen, was sicherlich evolutionäre Vorteile hat. Nur das Wahrnehmen von Farben bleibt ein Erlebnis aus der Erste-Person-Perspektive, und ist damit objektiv nicht beschreibbar. Und es ist doch auch einigermaßen beruhigend, dass es persönliche Erlebnisse gibt, die kein Hirnforscher in unserem Gehirn messen kann. Er kann höchstens messen, dass wir die Farbe rot sehen, er kann aber nicht feststellen, wie wir die Farbe rot sehen. Z.B.:

Ich befinde mich in einer Kernspin-Tomografie-Röhre, in einem von meinem Raum abgetrennten Nebenraum sitzt ein farbenblinder Neurobiologe und beobachtet an Monitoren meine Hirnaktivitäten. Jemand tritt zu mir und hält mir einen Strauß roter Rosen vors Gesicht. Der Neurobiologe ruft mir über Mikrofon und Lautsprecher zu, er habe gerade anhand meiner Hirnaktivitäten festgestellt, dass ich etwas Rotes sehe.

Weis der Neurobiologe jetzt, wie die Farbe Rot aussieht?

In den Bereich der Qualia gehört auch die flüchtige Welt der Gefühle, die allerdings von anderer Art ist als z.B. die Farb-Wahrnehmung. Wer mindestens einmal die Farbe rot gesehen hat, kann sich diese Farbe auch bei geschlossenen Augen vorstellen. Er erinnert sich daran, wie die Farbe rot aussieht, der Farbeindruck ist offensichtlich im Gedächtnis gespeichert, und kann wieder abgerufen werden. Das ist eine wichtige Voraussetzung für das Erkennen von Farben. Mit unseren Gefühlen sieht das anders aus; sie sind flüchtig.

Ich gehe im Wald spazieren. Plötzlich stehe ich auf einer Lichtung vor einer wunderschönen Blume. In meinem Inneren tut sich etwas, ich habe ein Gefühl. Ich eile nach Hause, stelle mich vor eine Leinwand, und male aus dem Gedächtnis die Blume. Je nach dem, wie gut mein malerisches Vermögen ist, und wie gut ich die Blume in der Erinnerung habe, male ich sie einigermaßen naturgetreu auf die Leinwand. Nur das Gefühl, das ich beim Anblick der Blume hatte, ist nicht reproduzierbar. Ich bin nicht in der Lage, dieses Gefühl jederzeit aus dem Gedächtnis abzurufen. Das ist wohl auch gut so, sonst würden wir uns wohl wie die Morphinisten ständig irgendwelchen erlebten Gefühlen hingeben, und dabei unsere lebensnotwendigen Tätigkeiten vernachlässigen und schließlich zugrunde gehen. Wir können uns zwar daran erinnern, dass wir Gefühle hatten, nur die Gefühle selber sind nicht reproduzierbar. Es handelt sich bei Gefühlserlebnissen um einmalige flüchtige Vorgänge. Und was nicht erinnert werden kann, ist zeitlos, ewig. Gefühle sind nicht Inhalte unserer individuellen Historie, und somit auch nicht zu unserer Individualisierung geeignet. Mit ihnen haben wir eine direkte Verbindung zur übergeordneten Entität.

Leben nach dem Tod ?

Samstag, Juli 21st, 2007

…Ist es nicht unlogisch, davor [vor dem Tod] Angst zu haben,
wo ich dieses plötzliche Erlöschen doch gar nicht mehr erleben werde…?
Amadeu Inácio de Almeida Prado (aus dem Roman „Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier).

Eines Morgens wachst du auf und bist nicht mehr am Leben.
Über Nacht, wie Schnee und Frost, hat es sich begeben.
Aller Sorgen dieser Welt bist du nun enthoben.
Krankheit, Alter, Ruhm und Geld sind wie Wind zerstoben.
Friedlich sonnst du dich im Licht einer neuen Küste
ohne Ehrgeiz, ohne Pflicht. – Wenn man das nur wüsste!
Mascha Kaléko

 

Definitionsgemäß endet das Leben mit dem Tod, so dass die Aussage:
es gibt ein Leben nach dem Tod
in sich widersprüchlich ist, und die obige Frage nur mit „nein“ beantwortet werden kann.
Betrachten wir, wie die einzelnen Begriffe definiert sind:

Als Leben bezeichnet man eine metaphysische Entität, die dann gegeben ist, wenn die charakteristischen Eigenschaften eines Lebewesens beobachtbar sind, etwa Selbstregulierung, Reproduktion und bei komplexeren Formen auch Zweckverfolgung. (aus Wikipedia) Der Tod ist der unumkehrbare Verlust der für ein Lebewesen typischen und wesentlichen Lebensfunktionen (aus Wikipedia)
Was ist nun metaphysische Entität ?
Die Metaphysik (lat.metaphysica, von gr. metá „nach, über“ und phýsis „Natur, natürliche Beschaffenheit“, d.h. „was nach der Natur kommt“) ist die Grunddisziplin der Philosophie. Sie behandelt die zentralen Probleme der theoretischen Philosophie in universal angelegten Systementwürfen: die Fundamente (Voraussetzungen, Ursachen oder „ersten Gründe“) und allgemeinsten Strukturen (Gesetzlichkeiten, Prinzipien) sowie den Sinn und Zweck der gesamten Wirklichkeit bzw. allen Seins.
(aus
Wikipedie)
Entität ist in der Philosophie ein ontologischer Sammelbegriff, der alle Phänomene bezeichnet. So werden Gegenstände, Eigenschaften, Prozesse, usw. als Entitäten zusammengefasst. Will man von der Existenz eines Phänomens reden, das jedoch nicht weiter spezifiziert werden soll, so nennt man es eine Entität.
(aus
Wikipedia)
Da das Leben als metaphysische Entität bezeichnet wird, gilt das gleiche dann wohl auch für den Tod. Der Tod ist somit nicht unbedingt das endgültige Ende unseres Seins, sondern es kann auch ein Übergang in eine andere Realität sein. Es ist letztlich eine Sache des Glaubens.
Wir können allerdings sagen, was mit dem Tode alles nicht mehr vorhanden ist:
Da unser Gehirn im Tod sein Funktionalität verliert, ist somit die durch unsere Historie festgelegte Individualität nicht mehr gegeben. Mit dem Tode verlieren wir unsere Individualität! Durch den Verlust der Funktionen von Gehirn und Sinnesorganen geht jeglicher Kontakt zur physischen Welt, und jede Möglichkeit der gedanklichen Erfassung der Welt, verloren. Das „Konstruieren“ der Zeit durch unser Gehirn ist dann auch nicht mehr möglich, so dass ein „danach“ von daher auch sinnlos ist.
Ist nun aber die Tatsache, dass wir im Tiefschlaf oder während einer Bewusstlosigkeit anscheinend nichts erleben, einfach nur absolutes schwarzes NICHTS herrscht, der Beweis dafür, dass der Tod ebenfalls ein endgültiges absolutes schwarzes NICHTS bedeutet? Das wäre dann ein Trugschluss, wenn im Tiefschlaf oder während einer Bewusstlosigkeit einfach nur die Möglichkeit unterbunden wäre, etwas in unser Gedächtnis aufzunehmen, so dass wir uns an nichts erinnern könnten, was während dieses Zustandes geschehen ist.
Der Tod ist ein Übergang zu etwas ganz Anderem. Dieses ganz Andere, und doch irgendwie Vertraute muss, da es zeitlos und unsterblich ist, bereits während des Lebens in uns vorhanden sein, das durch unsere Alltagssorgen nur überdeckt wird. Somit könnte man den Tod wohl auch eher als eine Art Abwerfen einer Hülle bezeichnen, so dass dann der Wesenskern zutage tritt. Es besteht dann allerdings die Gefahr, das Leben für sinnlos zu halten. Das ist es sicher nicht; wir selber müssen unserem Leben allerdings einen Sinn geben, wobei die Leidensfähigkeit aller Lebewesen hier einen Hinweis gibt.
Allerdings kann dieses ganz Andere auch einfach NICHTS sein; das können wir nicht genau wissen; wir bewegen uns hier im Bereich des Glaubens! „Glaubensgewissheit“ ist ein Widerspruch in sich, und damit unmöglich. Gerade die Ungewissheit ist ja der Antrieb für ständig neues Nachdenken.
Ein Hinweis auf dieses ganz Andere könnte allerdings das Ästhetische sein.
Hinweise auf dieses ganz Andere findet man in der Mystik, z.B. bei Meister Eckhart, im Zen-Buddhismus und im Taoismus.
Hierzu siehe auch Negative Theologie in Wikipedia
 

 

ICH-Gefühl und individuelle Historie

Freitag, Juli 13th, 2007

ICH-Gefühl und individuelle Historie

Beschränken wir uns auf homo sapiens. Milliarden davon hat es gegeben, Milliarden gibt es in diesem Augenblick. Und jeder von allen hat ab einem bestimmten Zeitpunkt seines Lebens ICH gesagt. Was ist es nun, das all diesen vielen Menschen das Gefühl gibt, einmalig zu sein? Worin unterscheiden sich die Menschen? Die Gene kommen nicht in Frage, weil es eineiige Zwillinge gibt, die unterschiedliche Menschen sind. Das einzige Unterscheidungsmerkmal der Menschen untereinander ist deren individuelle Historie. Es ist die Möglichkeit des Erinnerns, die jeden von uns einzigartig macht. Damit ist jeder Mensch auch nur solange ein ganz bestimmtes ICH, solange er erinnerungsfähig ist. Würde ich eines Morgens aufwachen, und mein Gedächtnis wäre gelöscht, dann wäre mein bisheriges ICH gestorben, und in meinem Körper würde ein neues ICH entstehen mit einer neuen Historie, die bis zu dieser tragischen Nacht reicht, und nicht weiter.

Nur wie kommt diese Beziehung zwischen ICH-Gefühl und individueller Historie zustande? Diese Frage kann, wenn überhaupt, nur aus der Erste-Person-Perspektive angegangen werden. Nur wer ist diese Erste-Person? Wie kommt es, dass dieser Mensch, der an einem bestimmten Ort zu einem bestimmten Zeitpunkt geboren wurde, ICH bin. Wäre ich noch ICH, wenn eine andere Spermie die Eizelle befruchtet hätte, aus der ich entstanden bin? Oder wäre ich dann mein Bruder oder meine Schwester, und mich gäbe es dann nicht? Nur dann könnte ich diese Fragen ja gar nicht stellen, sondern höchstens mein Bruder oder meine Schwester; ein Außenstehender würde davon nichts merken.

“Was wäre wenn …”-Fragen können zwar gestellt werden, sie laufen aber immer ins Leere. Was wäre, wenn meine Eltern mich nicht gezeugt hätten? Dann gäbe es mich nicht, oder vielleicht doch, aber in einem anderen Körper? Was wäre, wenn Opa nicht Oma geheiratet hätte, sondern eine andere? Was wäre, wenn in meiner langen bis in die Anfänge des Lebens reichenden Ahnenreihe das Ei einer bestimmten Echse von einer anderen Spermie befruchtet worden wäre? Was wäre, wenn die Erde eine etwas andere Größe hätte, und auf einer anderen Bahn kreisen würde?

Wenn alle die Vorgänge in meiner Ahnenreihe, so wie sie stattgefunden haben, für meine individuelle Existenz notwendig gewesen wären, dann wäre die Wahrscheinlichkeit meiner Ich-Existenz derart grotesk gering, dass es mich eigentlich gar nicht geben dürfte.

Eine zweite Möglichkeit der Reduktion auf das Physische bestünde darin, der Raumzeit eine bisher noch völlig unbekannte Eigenschaft zuzubilligen. Meine Zeugung und Geburt fand zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort statt. Das müsste dann irgendwie zu meinem individuellen ICH-Gefühl geführt haben.

Diese beiden Möglichkeiten berücksichtigen allerdings nicht den Einfluss meiner Historie auf mein ICH-Gefühl.

Wir können natürlich ganz positivistisch sagen, dass Menschen die Eigenschaft haben, ein ICH-Gefühl zu entwickeln. Es gibt Menschen, und einer davon bin ich, also muss ich ein ICH-Gefühl entwickelt haben. Dann müsste aber mein Gehirn in der Lage sein, nicht nur irgendein ICH-Gefühl zu entwickeln, sondern dieses ganz spezielle individuelle ICH-Gefühl desjenigen, der hier sitzt und den Text tippt.

Milliarden von Menschen haben dieses ICH-Gefühl, jeder ist ein ICH-Sager, und einer davon bin ich. Wie kommt dieses Gefühl zustande? Ich werde geboren, nehme etwas wahr, und speichere das Wahrgenommene in meinem Gedächtnis. Jetzt erinnere ich mich an das Wahrgenommene: “das habe ich erlebt!”, und damit identifiziere ich mich. Nur alle anderen Menschen sind genau so vorgegangen, und ausgerechnet bei dem einen, der hier und jetzt am Computer sitzt und schreibt, tritt dieses ganz individuelle ICH-Gefühl auf. Wieso das?

Ich sehe nur eine Möglichkeit, dieses Problem zu erhellen: Wir müssen annehmen, dass die physische Welt nur ein Teil einer übergeordneten Einheit ist, und dass aus dieser übergeordneten Einheit durch physikalische Vorgänge im Gehirn dieses individuelle ICH-Gefühl herauskristallisiert wird. Der Geist – Körper – Dualismus wäre damit aufgehoben, die Welt wäre dann diese übergeordnete Einheit.

Das erinnert an den 1931 von Kurt Gödel formulierten Unvollständigkeitssatz:

Alle widerspruchsfreien axiomatischen Formulierungen der Zahlentheorie enthalten unentscheidbare Aussagen.

Eine Folge daraus ist der Satz:

Für diesen Satz der Zahlentheorie gibt es im System der Principia Mathematika keinerlei Beweis.

(Principia Mathematik (P.M.) ist ein von Whitehead und Russel entworfenes mathematisches Werk).

Man versuche z.B. die folgende Aussage auf ihren Wahrheitsgehalt (wahr oder falsch ?) zu überprüfen:

Diese Aussage ist nicht beweisbar !

Man könnte P.M. nun erweitern, und alle unentscheidbaren Aussagen als Sätze mit einem festgelegten Wahrheitsgehalt hinzufügen. Gödel hat gezeigt, dass dieses erweiterte System nun seinerseits wieder unentscheidbare Aussagen enthält, also unvollständig ist, ad infinitum.

Gödels Theoreme beziehen sich auf P.M. und verwandte Systeme, bewegen sich also im Rahmen der mathematischen Logik.

Generell geht es darum, dass ein System nicht zum Beweis seiner eigenen Widerspruchsfreiheit herangezogen werden kann (oder salopp ausgedrückt: niemand kann sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen), weil wir uns in einer „strange loop“ verheddern.

Als wir oben über das individuelle ICH-Gefühl nachdachten, standen wir vor einem ganz ähnlichen Problem. Wir müssen zur Lösung des Geist – Körper – Problems Geist aufwenden, den wir ja erst begreifen wollen: wir sind in einer „strange loop“ gefangen.

Wir mussten das System erweitern, um von einer übergeordneten Sicht aus einem Verständnis des ICH-Gefühls näher zu kommen. Vielleicht müssen wir uns, um zu widerspruchsfreien Aussagen zu gelangen, ja genau so ins Unendliche hinaufschrauben, wie es bei Gödels Theorem wäre, um ein vollständiges und widerspruchsfreies System zu erhalten.

Was hat das nun mit unserer individuellen Historie zu tun? Meine These lautet, dass die materielle Welt, wie wir sie wahrnehmen, nur eine Untermenge von etwas ist, in dem keine Geist – Körper – Trennung vorhanden ist. Die materielle Welt besteht aus leblosen und lebenden Individuen. Wir Menschen, und wahrscheinlich auch andere höhere Tiere, identifizieren uns mit unserer individuellen Historie, die einmalig und einzigartig ist, und werden selber dadurch zu einmaligen und einzigartigen Individuen, und dadurch entsteht unser ICH-Gefühl: der oder die das und das erlebt hat, bin ich.

Das bedeutet aber auch, dass unsere Existenz als individuelle ICH-Sager nur während der Zeitspanne vorhanden ist, in dem in unserem Gehirn diese Historie gespeichert ist. Wird die Historie gelöscht, durch Tod oder Krankheit oder Unfall, dann ist es vorbei mit unserer Existenz, d.h. uns als Individuen gibt es dann nicht mehr.

In der materiellen Welt existieren wir als zeitlich begrenzte Individuen. In der übergeordneten Welt gibt es keine Zeit, keinen Raum und keine Individuen, und in ihr gibt es keine Geist – Körper – Trennung. Es ist der zeitlose, ewige Ursprung, aus der alle Individuen ihren zeitlich begrenzten Anfang nehmen, und in dem alle Individuen der Welt miteinander verbunden sind.

Lassen sich Qualia auf Hirnfunktionen reduzieren?

Sonntag, Juli 8th, 2007

Ich befinde mich in einer Kernspin-Tomografie-Röhre, in einem von meinem Raum abgetrennten Nebenraum sitzt ein farbenblinder Neurobiologe und beobachtet an Monitoren meine Hirnaktivitäten. Jemand tritt zu mir und hält mir einen Strauß roter Rosen vors Gesicht. Der Neurobiologe ruft mir über Mikrofon und Lautsprecher zu, er habe gerade anhand meiner Hirnaktivitäten festgestellt, dass ich etwas Rotes sehe.

Weiss der Neurobiologe jetzt, wie die Farbe Rot aussieht?

Sein oder Nichtsein

Freitag, Juli 6th, 2007

Ergibt die Aussage:

“Wenn meine Eltern mich nicht gezeugt hätten, dann gäbe es mich nicht!”

irgendeinen Sinn?

Da es mich in dem angegebenen Fall ja nicht geben würde, könnte ich diese Aussage dann ja auch nicht machen. Somit ist die Aussage nichtssagend, und damit unsinnig. Ähnlich verhält es sich am anderen Ende:

“Wenn ich gestorben bin, dann gibt es mich nicht mehr!”

Aus dem gleichen Grunde eine unsinnige Aussage. Alles konzentriert sich somit auf das Sein. Das Nichtsein ist aus der Erste-Person-Perspektive logisch nicht möglich.

Das Gegenstück zur ersten Aussage lautet:

“Weil meine Eltern mich gezeugt haben, gibt es mich!”

Diese Aussage ist zumindest zweifelhaft. Ich weiß ja gar nicht, ob es mich in jedem Fall gegeben hätte. Wenn eine andere Spermie die Eizelle, aus der ich entstanden bin, befruchtet hätte, wäre ich dann mein Bruder oder meine Schwester, und mich gäbe es dann nicht? Eine ebenso unsinnige Frage, die ich ja nur stellen kann, weil es mich nun mal gibt.

Natürlich handelt es sich hier um Fragen der Logik, und nicht etwa um den Beweis der Unsterblichkeit. Es bedeutet nur, dass sich das Nichtsein irgendeiner Deutung entzieht.

Nach konstruktivistischer Auffassung sind wir selber die Erfinder der Zeit, unserer Zeit (im Gegensatz zu Kant, der Zeit als a priori auffasste). Damit hängt die Zeit eng mit unserem Sein zusammen. Zeit gibt es nur, wenn wir sind, die Frage nach einem danach (nach dem Tode) ist deshalb ebenso unsinnig.

Auf all diese Fragen würde ein Zen-Meister wohl mit einem Koan antworten.

 

 

 

Perspektiven der Wirklichkeit

Dienstag, April 24th, 2007

Es geht hier darum, gewisse Irritationen zu beheben, die sich aus der Tatsache ergeben, dass ein und dieselbe Sache aus der „Innensicht“ und der „Außensicht“ unterschiedlich wahrgenommen wird.
Unter „Innensicht“ oder auch „Erste Person – Perspektive“ sei hier eine Betrachtungsweise verstanden, wie ich sie selbst als Subjekt wahrnehme. Die „Außensicht“ oder „Dritte Person – Perspektive“ ist die Betrachtungsweise eines Außenstehenden, des Beobachters, dessen Beobachtungsobjekt ich selber bin.
Wie unterschiedlich die Betrachtungsweisen sein können, sehen wir z.B. am Existenz-Problem:
Mich gibt es als Körper Nr. X mit den typischen körperlichen und intellektuellen Fähigkeiten eines durchschnittlichen Menschen, sicher mit für mich typischen Eigenheiten. So würden mich wohl die meisten meiner Mitmenschen wahrnehmen. Betrachte ich mich aber selbst, so ist die Frage, wieso der Körper Nr. X mit meinem bewussten „Ich bin hier und jetzt“ gekoppelt ist, sicher schwieriger, wenn überhaupt, zu beantworten. Dieser Körper Nr. X könnte doch genau so gut mein Bruder sein, und mich gäbe es dann nicht. Welche Voraussetzungen muss der Körper Nr. X denn haben, damit aus der Innensicht „Ich bin hier und jetzt“ von meinem bewussten Ich (dem Selbst) wahrgenommen wird. Wenn am Tage meiner Empfängnis die Eizelle, aus der ich entstanden bin, von einer anderen Spermie befruchtet worden wäre, wäre der Körper Nr. X dann mein Bruder oder meine Schwester, und mich als „Ich bin hier und jetzt“ gäbe es dann nicht? In dem Fall könnte der Körper Nr. X genau die gleiche Frage stellen, für einen Außenstehenden wäre das völlig gleich. Nur käme die Frage dann nicht von „Ich bin hier und jetzt“, weil es mich dann ja nicht gäbe. Die Frage würde, wenn sie denn überhaupt gestellt werden würde, von meinem Bruder oder meiner Schwester gestellt. Für mich ist die Frage einerseits von existentieller Bedeutung, gleichzeitig aber auch absurd: ich kann die Frage nur stellen, weil es mich gibt. Dann bräuchte ich aber gar nicht erst zu fragen. Ein Zen-Meister würde diese Frage wohl mit einem Koan beantworten.
Menschen, die an Schizophrenie leiden, können mehrere „Ich bin hier und jetzt“ in ihrem Gehirn beherbergen, zwischen denen sie dann springen können. Bei Menschen mit einem durch Unfall oder Erkrankung verursachten teilweisen Verlust des Gedächtnisses wird nach der Genesung häufig von einer Persönlichkeits-Änderung gesprochen, so als ob sie jetzt ein anderes „Ich bin hier und jetzt“ wären. Das können wir aber nur aus der „Außensicht“ beurteilen. Wenn wir den Betroffenen sagen würden: „Du bist ja gar nicht mehr Duselbst“, dann würde er wohl protestierend widersprechen, denn er kann ja aufgrund seines Gedächtnisverlustes nicht wissen, ob er früher jemand anderes war.
Selbst wenn unsere individuelle Historie unsere Persönlichkeit entscheidend prägt, ist damit das „Ich bin hier und jetzt“ noch lange nicht geklärt. Warum war Napoleon an seinem „Ich bin hier und jetzt“ im 18. und 19. Jahrhundert Napoleon, und warum bin ich gerade hier und jetzt „Ich bin hier und jetzt“? Søren Kierkegaard ist dieser existentiellen Frage wohl am intensivsten nachgegangen, beantwortet sie in „Entweder-Oder der absoluten Wahl“ dann allerdings aus seinem christlich-lutherischen Glauben heraus, wobei der Aspekt des Wählens und Annehmens seiner selbst von Bedeutung ist. Antworten, die aus einem bestimmten Glauben heraus abgeleitet werden, können natürlich niemals objektiv sein.
Bei der Frage nach der Willensfreiheit ergeben sich ähnliche Probleme. Einige Neurowissenschaftler (z.B. Singer, Roth, Prinz) mögen uns ja den freien Willen absprechen, und führen u.U. dafür die Libet-Experimente an. Ich selber würde aus der Dritten-Person-Perspektive sagen, dass wir bedingt frei in unseren Entscheidungen sind, weil unsere Sozialisation eine wichtige Rolle spielt. Aus der Erste-Person-Perspektive werde ich meine Entscheidungen aber immer als frei bezeichnen, ganz egal was Hirnforscher in meinem Gehirn messen. Von irgendwelchen Bereitschafts-Potentialen in meinem Gehirn merke ich nichts. Ich entscheide mich jetzt, meine Hand zu heben, und tue das aus freier Entscheidung.
Ein weiteres Beispiel für unterschiedliche Betrachtungsweisen aus der Innensicht und der Außensicht ist das Qualia-Problem:
Ein Beobachter stellt fest, was in unserem Körper geschieht, wenn Photonen mit einer Wellenlänge von sagen wir 750 nm die Netzhaut unseres Auges trifft. Er wird dann wohl feststellen, dass in gewissen Bereichen unseres Gehirns für diesen Vorgang typische Erregungsmuster entstehen. Aus der „Innensicht“ stelle ich aber ganz was anderes fest, nämlich dass ich die Farbe „Rot“ sehe. Das ist aber eine ganz individuelle Interpretation dieses Vorgangs. Wir haben uns zwar geeinigt, dass ein bestimmter Gegenstand, den wir wahrnehmen, die Farbe „Rot“ hat, nur die Farbempfindung ist eine ganz individuelle Angelegenheit. Würden wir zu den 8% rot-grün-blinden Männern gehören, würden wir die Welt ganz anders sehen.
Stellen wir uns folgendes Experiment vor: Ich befinde mich in einem Messraum, an meinem Kopf sind Elektroden befestigt. In einem Nebenraum befindet sich ein farbenblinder Neurobiologe, der auf einem Monitor meine Gehirnströme beobachtet. Jemand hält mir einen Strauß roter Rosen vors Gesicht. Der Neurologe ruft mir zu: „Ich habe anhand der Messkurven festgestellt, dass du gerade etwas rotes gesehen hast!“. Weiß der Neurologe jetzt, wie die Farbe „Rot“ aussieht? Sicherlich nicht. Siehe dazu auch die Arbeit What is it like to be a bat? von Thomas Nagel. (in The Philosophical Review, Oktober 1974.)
In den Bereich der Qualia gehört auch die flüchtige Welt der Gefühle, die allerdings von anderer Art ist als z.B. die Farb-Wahrnehmung. Wer mindestens einmal die Farbe rot gesehen hat, kann sich diese Farbe auch bei geschlossenen Augen vorstellen. Er erinnert sich daran, wie die Farbe rot aussieht, der Farbeindruck ist offensichtlich im Gedächtnis gespeichert, und kann wieder abgerufen werden. Das ist eine wichtige Voraussetzung für das Erkennen von Farben. Mit unseren Gefühlen sieht das anders aus; sie sind flüchtig. Wir hören ein wunderschönes Musikstück, und in unserem Innern tut sich etwas, wir haben ein Gefühl. Nur sind wir nicht in der Lage, dieses Gefühl jederzeit aus dem Gedächtnis abzurufen. Das ist wohl auch gut so, sonst würden wir uns wohl wie die Morphinisten ständig diesen Gefühlen hingeben, und dabei unsere lebensnotwendigen Tätigkeiten vernachlässigen und schließlich zugrunde gehen. Wir können uns zwar daran erinnern, dass wir Gefühle hatten, nur die Gefühle selber sind nicht reproduzierbar. Es handelt sich bei Gefühlserlebnissen um einmalige flüchtige Vorgänge. Und was nicht erinnert werden kann, ist zeitlos, ewig.
Das Besondere ist dabei, dass Gefühle ein gemeinsames Band sind, dass mindestens alle Wirbeltiere mit uns teilen. Nicht für uns singt die Nachtigall, und trotzdem löst deren Gesang Gefühle bei uns aus. Das brahmanische tat twam asi (das bist Du!) verdeutlicht dies. Dazu ein Zitat aus: Transspiritualität Liebe als kosmische Evolution
Akzeptieren wir dagegen das Lebensprinzip des tat twam asi, erkennen wir uns in allem, was wir sind und bekennen uns zu allem, was uns begegnet. Es gibt nun keine Aufteilung mehr in Gut und Böse. Alles ist, was es ist, und all das sind wir; das heißt wir sind eins mit allen Erscheinungen des Lebens, die sich in unserem Bewusstsein spiegeln. Wir erfahren keine Grenzen mehr zwischen uns und der Welt und können deshalb alles so lieben, wie es ist.
Es stellt sich hier die Frage nach den Grenzen des Wissbaren. Ich nehme an, dass wir aus der Außensicht immer tiefere Einsichten in die Funktionsweise der Welt erhalten, auch wenn wir wohl niemals sagen können, dass wir jetzt alles verstanden haben: nach jeder beantworteten Frage eröffnet sich eine neue Schar von zu lösenden Rätseln. Die Außensicht ist das Gebiet der Logik und der Reduktion.
Aus der Innensicht stoßen wir dagegen sehr schnell an Grenzen, die rational nicht überwunden werden können. Wahrheiten kann hier nur jeder in sich selbst in einem mystischen Erlebnis finden. Deshalb verwirrt ein Zen-Lehrer ja auch seine Schüler mit Koans, die ja scheinbar völlig absurd und sinnlos sind. Das Ziel der Koan-Praxis ist die Erkenntnis der Nichtzweiheit. Die Illusion, dass die Dinge unterschieden sind und dass das Ich eine eigene, vom Rest abgegrenzte Existenz hätte, soll sich in der Übung mit dem Koan auflösen.
 

 

Ein Mönch sagte zu Jôshû:
„Ich bin gerade erst ins Kloster eingetreten. Bitte unterweise mich.“
Jôshû fragte: „Hast du deinen Reisbrei schon gegessen?“
„Ja.“
„Dann geh und säubere deine Schale.“

Siehe auch z.B.: Zenkreis Bremen  

Musik, bildende Kunst, Poesie sind Ausdrücke der Innensicht. Wenn die Amsel ihr Liedchen singt, teilt sie uns Aspekte ihres Innenlebens mit.
Die Innensicht ist der Bereich der Ästhetik, die Außensicht der Bereich der Logik. Die Ethik kann als verbindendes Glied aufgefasst werden.
Auf den ersten Blick mag diese Vorstellungsweise dualistisch erscheinen. In Wahrheit sind es aber nur zwei Seiten einer Medaille. (Ähnlich wie im Taoismus Jin und Jang sich in einem Kreis als Symbol des Tao vereinigen). Nur der Versuch, die Innenperspektive, die subjektive Seite, zu objektivieren, um sie dann zu reduzieren (wie z.B. Patricia Churchland es versucht), dürfte wohl scheitern. Objektive Wissenschaften haben Hervorragendes geleistet, und werden auch noch weiter Hervorragendes leisten, bis hin zur Reduktion auf eine Weltformel (unabhängig davon, ob das Ziel jemals erreicht wird). Subjektivität hat ebenfalls Hervorragendes geleistet, und wird es auch noch weiterhin tun. Es sind die Werke Bachs, Mozarts, Beethofens, Shakespeares, Goethes, Dostojewskis, Kafkas, Rembrands, van Goghs, Noldes ….. , und die Äußerungen vieler Menschen und Tiere, die sich aus der Subjektivität äußern. Eine Vermischung der Methoden beider Aspekte führt in eine Sackgasse.

Patricia Churchland (zum Beispiel) versucht, das Subjekt zum Objekt zu machen, und dann auf der objektiven Seite zu reduzieren (so habe ich sie jedenfalls verstanden). Das halte ich allerdings für eine Kategorien-Vermischung, die zu keinem Erfolg führen wird. Wenn ich Thomas Nagel richtig verstanden habe, versucht er dagegen, beide Seiten zu belassen, und auf einer noch zu entdeckenden darüberliegenden Ebene auf eine noch nicht bekannte Weise zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Es geht also darum, aus dem Subjekt – Objekt – System herauszutreten (Das erinnert in der Vorgehensweise an Gödels Theorem).
(Letzte Änderung: 16.06.07)