Rätselhaftes Sein

Hans Joachim von Hörsten — 4.1.2015

Rätselhaftes Sein.

Ich existiere!
Es ist das Ereignis eingetreten, dass an einer besatimmten Stelle des Weltalls auf einem kleinen blauen Planeten zu einem bestimmten Zeitpunkt ein Exemplar von homo sapiens geboren wurde, und dieser homo sapiens stellt fest: das bin ich!
Weshalb aber dieser ganz bestimmte homo sapiens, weshalb gerade dieser Mensch Nr.X, der erkannt hat: das bin ich? Würde es mich geben, wenn z.B. eine andere Spermie die Eizelle befruchtet hätte, aus der dieser Mensch Nr.X entstanden ist? Oder gäbe es dann meinen Bruder oder meine Schwester, und mich gäbe es dann nicht? Eineiige Zwillinge sind zwei völlig unabhängige Menschen. Somit können die Gene an der Entstehung des jeweiligen Bewusstseins nur soweit beteiligt sein, als sie lediglich die Möglichkeit zur Erlangung von Bewusstsein bieten.
Kosmologen haben festgestellt, dass die Tatsache, dass es überhaupt in der Welt einen bewohnbaren Planeten gibt, ein unglaublicher Zufall ist (u.a. das Problem der „Feineinstellungen der Naturkonstanten“, und noch einige Zufälle mehr). Auch die Tatsache, dass die Erde die passende Größe und Zusammensetzung hat, und um einen Zentralstern kreist mit genau der passenden Strahlungsintensität, und das auch nur zum genau passenden Zeitpunkt! Es ist also ein unglaublicher Zufall, dass die Welt so ist, wie sie ist. Wenn ich jetzt annehme, dass Bewusstsein etwas Ewiges ist, dann hat Ewiges Bewusstsein anscheinend die Tendenz, sich in zeitlichen materiellen Objekten zu manifestieren, wenn diese dafür ausgestattet sind. Tiere erleben die Welt sicher anders als Menschen („what is it like to be …“ bei Thomas Nagel, wobei das nicht nur für Fledermäuse gilt. Genau genommen weiß ich doch nicht einmal, was mein Nächster wirklich empfindet (Kafka*)).
Bewusstsein hat anscheinend die Tendenz, sich in materiellen Objekten zu manifestieren. Materielle Objekte sind in ihrer Existenz zufällig und zeitich begrenz. Das Bewusstsein ist dieser Zeitlichkeit nicht unterworfen, es ist ewig.
Unsere Erinnerungen sind in unserem zeitlichen Gedächtnis gespeichert, und können somit nicht ewig sein. Es gibt kein individuelles ewiges Leben, und auch kein Leben nach dem Tod! Den Ich-Sager mit seiner ganz individuellen Historie gibt es dann nicht mehr! Wohl aber gibt es das nicht individuelles Ewige Bewusstsein!
Wichtig ist es, sein Leben so zu gestalten, dass wir unser Augenmerk immer stärker auf das unmittelbare Erleben konzentrieren, und die Vergänglichkeit immer weniger wichtig nehmen. Stellen wir uns analog vor, wir betrachten eine wunderschöne Blüte. Das Auge ermöglicht es, dass wir die Blüte wahrnehmen, hat aber selber dabei keine Empfindungen. Die Empfindungen entstehen in unserem Gehirn. Vergleichbar ist es wohl mit dem Bewusstsein: wir sind gewissermaßen das Auge, und haben damit die Möglichkeit des bewussten Erlebens.
Das Ewige Bewusstsein ist auch das Band, das uns alle verbindet. Wenn wir einer Amsel bei ihrem Gesang zuhören, dann wirbt das Amsel-Männchen um ein Weibchen, dem der Gesang offensichtlich gefällt. Gleichzeitig gefällt der Gesang aber auch uns! Ist das nicht wunderbar?
Übrigens sind solche Gedanken gar nicht so neu. Schon vor über 2 1/2 Tauend Jahren hat in Nordindien der Philosoph Sidharta Gautama (der „Buddha“) in seiner Anatta-Lehre Ähnliches gedacht, und auch Denker der Mystik haben sich ähnlich geäußert (z.B. das „Seelenfünkchen“ Meister Eckharts), ebenso das „Ewige Bewusstsein“ bei Søren Kierkegaard.
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*Franz Kafka
„Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt Du von den Schmerzen, die in mir sind und was weiß ich von den Deinen. Und wenn ich mich vor Dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüsstest Du von mir mehr als von der Hölle, wenn Dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich. Schon darum sollten wir Menschen voreinander so ehrfürchtig, so nachdenklich, so liebend stehn wie vor dem Eingang zur Hölle.“

One Response to “Rätselhaftes Sein”

  1. Hans sagt:

    Nachtrag:
    Gehen wir zurück zum Beginn unseres Seins. Wir werden in die Welt geworfen, und müssen lernen, uns darin zurecht zu finden. Wir stellen fest, dass wir nicht alleine in der Welt sind. Es gibt noch weitere belebte und unbelebte Objekte in der Welt. Wir betrachten diese Welt aus der Außenperspektive, stellen dann aber fest, dass wir uns selber vergessen haben! Um das zu korriegieren, rücken wir selber ins Zentrum der Welt. Wir nehmen somit eine Sonderstellung ein.
    Durch diesen von uns selber vorgenommen Perspektiv-Wechsel werden wir Teil der Welt. Nur ist damit nicht erklärt, weshalb ich genau der bin, der ich bin. Würde es mich mit meinen spezifischen Eigenschaften auch dann geben, wenn z.B. eine andere Spermie die Eizelle, aus der ich entstanden bin, befruchtet hätte? Meine genetische Zusammensetzung wäre dann eine andere, ich wäre dann z.B. mit 50%iger Wahrscheinlichkeit eine Frau. Nur wäre ich dann überhaupt noch „ich“?
    Um das aber feststellen zu können, muss es mich geben. Ich stelle fest, dass es mich gibt, weil es mich gibt, und deshalb kann ich gar kein anderer sein als der, der ich bin!
    Es muss da anscheinend etwas geben, das unabhängig von meiner speziellen genetischen Zusammensetzung mir das Bewusstsein gibt, dass ich genau der bin, der ich bin. Das heißt aber auch, dass Bewusstsein etwas ist, das unabhängig von meiner spezifischen Beschaffenheit existiert, und das von „mir“ im Rahmen meiner Möglichkeiten erkannt und gewissermaßen „vereinnahmt“ wird.

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