Wenn meine Eltern mich nicht gezeugt hätten ….

Søren Kierkegaard in „Das ewige Bewusstsein im Menschen“:
Wenn kein ewiges Bewusstsein wäre im Menschen, wenn allem nichts als eine wild gärende Macht zugrunde läge, die, in dunklen Leidenschaften sich windend, alles hervorbrächte, was groß ist und was gering ist, wenn eine abgründliche Leerheit, nimmer sich sättigend, sich unter allem verbärge, was wäre dann das Leben andres als Verzweiflung?

“Wenn meine Eltern mich nicht gezeugt hätten …. “
Als ich ein kleiner Junge war, aber schon wusste, woher die Kinder kommen, sagte meine Mutter zu mir: ”Wenn wir gewusst hätten, dass es Krieg gibt, dann hätten wir dich nicht mehr gezeugt” (ich bin Jahrgang 1938). Damals war ich sehr erschrocken, die Frage beschäftigte mich dann aber mein Leben lang.
Die Überschrift würde wohl fast jeder ergänzen zu “… dann gäbe es mich nicht”. Das scheint doch völlig logisch zu sein. Aber betrachten wir die Sache doch einmal genauer: Wenn meine Eltern mich nicht gezeugt hätten, dann gäbe es mich nicht. Wer aber ist dieses mich ? Doch wohl derjenige, der diese Gedanken hat und aufschreibt, und das, weil es mich gibt. Hier liegt also ein Selbstbezug vor.
Als meine Eltern mich gezeugt haben, da hatten sie keine Vorstellung von meinem Bewusstsein. Nicht einmal das Geschlecht konnten sie sich auswählen. Sie wollten einfach nur noch ein Kind haben, und das wurde dann ich. Vier Jahre vorher hatten meine Eltern schon mal gezeugt, und es wurde meine Schwester. Warum damals sie, und vier Jahre danach dann ich? Warum nicht umgekehrt?
Was macht mich nun so einmalig?
Ich unterscheide mich von allen anderen Lebewesen durch die Einmaligkeit meiner Gene. Da es aber eineiige Zwillinge gibt, die ja zwei verschiedene Menschen sind, d.h. jeder ein eigenes Bewusstsein hat, scheiden die Gene für meine Identität aus. Sie bestimmen, wie ich bin, nicht aber wer ich bin.
Wohl aber unterscheide ich mich in meiner Historie von allen anderen Lebewesen. Ab ca. dem 2. Lebensjahr werden alle meine Erlebnisse in meinem Gehirn gespeichert, und könnten zu mindest im Prinzip erinnert werden. Ein Kleinkind erlebt die Welt unmittelbar, lebt nicht in der Zeit, lebt somit “ewig“. Nach ca. dem 2. Lebensjahr tritt es in die Zeit ein, um dann evtl. im hohen Alter wieder in einen ähnlichen Zustand wie ein Kleinkind zu fallen, somit wieder (aus seiner eigenen Sicht) “ewig” zu leben.
Damit haben wir für unseren “zeitlichen” Lebensabschnitt ein Unterscheidungsmerkmal gefunden. Damit kennen wir aber noch lange nicht den Mechanismus, der aus meiner Historie genau mich, d.h. mein Bewusstsein macht, falls es solch einen Mechanismus überhaupt gibt.
Aus der Außenperspektive gesehen ergibt sich folgendes Bild: Mindestens jeder normal entwickelte Mensch besitzt ein Selbstbewusstsein, also ein Wissen davon, dass es ihn gibt. Einer dieser Menschen, einer von vielen Milliarden, die es bisher gegeben hat und z.Z. gibt, sitzt hier und denkt über dieses Thema nach. Und da er ein normal entwickelter Mensch ist, muss er ein Selbstbewusstsein haben. Nur warum gerade mein Selbstbewusstsein?
Aus der Innenperspektive gesehen kann es aber gar nicht anders sein als dass ich es bin, der diese Gedanken hat, weil ich ja weiß und spüre, dass es mich gibt.
Letztlich landen wir bei der Tautologie: Es gibt mich, weil es mich gibt.
Mathematisch Gebildete kennen das Problem mit den Selbstbezügen in der Logik. Unter selbstbezüglichen Aussagen gibt es einige wahre Aussagen, deren Wahrheit nicht beweisbar ist. Am einfachsten die Aussage über sich selbst: “Diese Aussage ist nicht beweisbar” oder “Ich bin nicht beweisbar“. Wenn diese Aussage wahr ist, dann stimmt, was sie selber sagt, dass sie nicht beweisbar ist. Wenn die Aussage falsch ist, dann wäre sie beweisbar, aber falsch, und mit falschen Aussagen können wir nichts anfangen. Die mathematische Logik ist deshalb prinzipiell unvollständig (Gödel 1931).
Unser Titelproblem ist ein ontologisches. Wenn wir aber ontologische Aussagen machen wollen, und uns nicht auf Glaubenssätze beschränken wollen, dann müssen wir diese Aussagen auch beweisen, und das ist allerdings ein logisches Problem. Da es sich hier aber um selbstbezügliche Aussagen handelt (ich denke über mich nach), stehen wir hier vor dem gleichen Dilemma wie in der mathematischen Logik: Es gibt mich, aber ich kann nicht sagen, weshalb es mich gibt. Es gibt prinzipielle Grenzen unseres Wissens. Wir können nicht alles wissen, und zwar nicht nur, weil wir zu dumm sind, sondern weil es prinzipiell nicht geht. Wir können aber sehr wohl sagen, wo diese Grenzen liegen, und unser hier erörtertes Problem ist wohl ein solches.
Letztlich können wir nur staunend die Welt betrachten, und einer mystischen Betrachtungsweise der Welt ihr Recht eingestehen.
Mystik ist eine Innensicht, deren Ergebnis deshalb auch immer ein persönliches ist. Es verbietet sich somit jede Form von Ideologie (und letztlich auch Religion, die ja auch grundsätzliche, und bei den verschiedenen Religionen sich z.T. widersprechende Aussagen macht).
Ich kann mir das nur so vorstellen, dass es ein allumfassendes Bewusstsein gibt, und dass jedes Lebewesen während seiner begrenzten Lebenszeit sich ein bisschen Bewusstsein “borgt” (entsprechend seinem Entwicklungszustand). Das Bewusstsein ist somit das gemeinsame Band, das alle Lebewesen miteinander verbindet, wobei unter Bewusstsein nicht nur das Selbstbewusstsein gemeint ist (das es in seiner ausgeprägten Form wohl nur bei höheren Primaten gibt), sondern auch jede Form von Empfindung des eigenen Seins.

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.