Naturalisierung des Bewusstseins?

Unter Hirnforschern und ihnen nahestehenden Philosophen (genannt seien hier die Hirnforscher Gerhard Roth und Wolf Singer und der Philosoph Thomas Metzinger) ist eine regelrechte Naturalisierungs- bzw. Reduzierungs-Euphorie ausgebrochen. Unsere gesamte Erlebniswelt wird auf Gehirnfunktionen reduziert, und die betreffenden Forscher sind anscheinend davon überzeugt, dass damit unsere Erlebniswelt restlos geklärt werden kann. Aber gibt es hier nicht grundsätzliche Grenzen?
Zweifellos werden Hirnforscher feststellen können, was sich in meinem Gehirn tut, wenn ich z.B. die Farbe rot sehe. Aber können sie dann auch erklären, warum ich diese Farbe so sehe wie ich sehe? Ich kann ja noch nicht einmal wissen, ob ein andere Mensch (z.B. der messende Hirnforscher) die Farbe genau so sieht wie ich. Die gleiche Frage gilt für das gesamte Qualia-Problem (siehe hierzu Thomas Nagel: what is it like do be a bat?).
Und wie sieht es mit unserem Selbst-Bewusstsein aus, also unserem Wissen, dass es uns gibt? Dazu müssen wir die Frage aus der Erste-Person-Perspektive stellen: wie ist es möglich, dass ein zufällig in die Welt geborener Körper mit der “Seriennummer” X ausgerechnet mit meinem bewussten ICH gekoppelt ist? Was wäre denn, wenn die Eizelle, aus der ich entstanden bin, von einer anderen Spermie befruchtet worden wäre, wäre der Körper Nr. X dann noch ICH, oder wäre er dann mein Bruder oder meine Schwester, und mich gäbe es dann nicht? Körper Nr. X hätte dann andere Gene, da aber ja eineiige Zwillinge verschiedene Menschen sind, kann die Genstruktur offensichtlich keinen Einfluss darauf haben, mit wem der Körper Nr. X gekoppelt ist (Man stelle sich ein eineiiges Zwillingspaar vor, A und B, und A fragt sich eines Tages: warum bin ich A und nicht B?). Mich würde es also wohl auch geben, wenn die Genstruktur meines Körpers eine andere wäre.
Vier Jahre vor meiner Geburt wurde meine Schwester geboren. Warum ist ihr Körper Nr. L mit dem Selbstbewusstsein meiner Schwester gekoppelt und nicht mit meinem? Ich bin offensichtlich mit dem Körper Nr. X gekoppelt, und mit keinem anderen. Wenn die Genstruktur aber keinen Einfluss auf diese Tatsache hat, dann wäre es ja völlig gleichgültig, wer diesen Körper Nr. X geboren hat. Wenn z.B. meine Eltern kein zweites Kind gezeugt hätten, dann würde die Seriennummer X auf einen von anderen Eltern gezeugten Körper zutreffen, vielleicht von Eltern einer anderen Spezies. Wäre Körper Nr. X dann aber wirklich ICH? Und wenn meine Eltern einen Monat früher ihr zweites Kind gezeugt hätten, gäbe es mich dann als dieses Bewusstsein, oder stattdessen meine Bruder oder meine Schwester?

Das einzige wirklich unverwechselbare Merkmal von Körper Nr. X ist seine Historie. Ab einem Alter von 2 bis 3 Jahren erinnert sich der Mensch an Vergangenes. Wer das und das erlebt hat, der bin ich! Und danach würde durch neue Erlebnisse das ICH-Bewusstsein aufrecht erhalten. Nur ist damit die obige Frage geklärt? Und wenn ja, wie sollte das geschehen? Dann müssten die Erlebnisse ja selber einen Einfluss auf meine Identität haben, und Menschen ohne Gedächtnis (in der frühen Kindheit oder nach einer Hirnerkrankung) hätten dann keine Identität? Da solche Menschen aber ja zweifellos empfindungsfähig sind, muss man ihnen ja wohl auch Identität zuschreiben.
Wir wissen seit über zweitausend Jahren, dass die mathematische Logik Probleme mit selbstbezüglichen Aussagen hat (Epidemides der Kreter mit seiner berühmten Aussage: “Alle Kreter sind Lügner“). Seit 1931 (Kurt Gödel) wissen wir, dass aufgrund solcher Probleme die mathematische Logik nicht vollständig ist: es gibt Wahrheiten, die nicht beweisbar sind. Mir scheint es, dass wir es hier bei den aus der Erste-Person-Perspektive gestellten selbstbezüglichen Fragen mit einer ähnlichen Begrenzung unseres Wissens zu tun haben.

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