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Noch mal: warum bin ich ICH ?

Freitag, Februar 29th, 2008

Die nach oben weisenden Striche symbolisieren z.Z. lebende Menschen, die nach unten weisenden bereits gestorbene Menschen. Alles beginnt mit dem Mensch Nr. 1, der hypothetischen Lucy, und endet mit dem stetig fortschreitenden Jetzt-Zustand.

Unter den Lebenden kommt einem, dem Menschen Nr. X, eine für mich besondere Bedeutung zu, weshalb er in der Zeichnung rot markiert ist. Dieser Mensch bin nämlich ICH. Nur warum bin ich ausgerechnet der Mensch Nr. X, und nicht Mensch Nr. X-1 oder X+1 oder irgend ein anderer von den dort Aufgeführten?

Worin unterscheiden sich die einzelnen Menschen? Ein verlässliches Unterscheidungs- Merkmal ist die Historie jedes Menschen, denn diese ist für jeden Menschen einmalig. Jeder Mensch, jedes Tier, jede Pflanze, jeder Stein hat seine einzigartige Historie. Das Besondere beim Menschen, und wohl auch bei anderen höheren Tieren ist es nun, dass diese Historie im Gehirn gespeichert wird. Ich weiß von meiner Vergangenheit: wer das und das in der bestimmten Reihenfolge erlebt hat, der bin ICH. Damit wird auch klar, dass ich als Individuum nur existiere, solange ich mir meiner Historie bewusst werden kann. Ein individuelles Weiterleben nach dem Tode kann es nicht geben.

Der Rückgriff auf Vergangenes macht mich zu einem zeitlichen Wesen. Jede Wahrnehmung wird mir erst eine kurze Zeit später bewusst. Damit wird klar, welche Bedeutung die Zeit für des Sein jedes Einzelnen von uns hat. Nun ist die Zeit aber etwas, das wir aus einer uns in seiner Gesamtheit nicht zugänglichen Welt “konstruieren”. Wir erschaffen selbst unsere Zeit, in der wir leben, und damit erschaffen wir uns die Grundlage unserer Historie, die uns zum Individuum macht. Wir erschaffen uns selbst als Individuum! Mensch Nr. X hat auf Grund seiner physischen Beschaffenheit die Möglichkeit, sich als zeitliches Individuum zu erschaffen. Daraus erkennen wir aber auch, dass es da noch etwas geben muss, das jenseits von Zeit und Individualität vorhanden ist, etwas, das ungeschaffen ist, und aus dem Mensch Nr. X sich selbst für eine Zeitspanne als Individuum erschafft. Mein wesentliches Sein befindet sich jenseits von Zeit und Individualität.

Damit wird klar, wie aus einem in die Welt geborenen Menschen ein Individuum mit ICH- Bewusstsein wird. Weshalb nun aber der Mensch Nr. X ausgerechnet ICH bin, ist damit allerdings keinesfalls geklärt. Wenn die Eizelle, aus der ich entstanden bin, von einer anderen Spermie befruchtet worden wäre, gäbe es mich dann nicht, sondern stattdessen meinen Bruder oder meine Schwester? Für einen Außenstehenden stellt sich diese Frage nicht. Da wäre einfach ein Mensch Nr. X.

Wenn tatsächlich die Erbstruktur für mein spezielles ICH- Bewusstsein entscheidend wäre, dann wäre eine Voraussetzung meines ICH- Seins ja auch, dass meine gesamte Ahnenreihe bis an die Anfänge des Lebens genau so verlaufen sein müsste, wie sie verlaufen ist. Dann wäre meine Existenz als ICH erstens von einer absurd geringen Wahrscheinlichkeit, und zweitens wäre das Problem nur verschoben, denn wir wüsten dann nicht, wie aus der Erbstruktur mein spezielles ICH- Bewusstsein entsteht. – Wir können diesen Gedankengang wohl getrost beiseite legen.

Machen wir uns noch einmal die Situation klar: Jeder Mensch hat ein Ich- Bewusstsein. Als Mensch Nr. X geboren wurde, und er sich als “normal” entwickelt herausstellte, konnte er gar nicht anders, als im Laufe der ersten Lebensjahre ein Ich- Bewusstsein zu entwickeln. Nur das Ich- Bewusstsein von Mensch Nr. X ist MEIN ICH- Bewusstsein! Was macht X zu MIR? Es kann nur mit der Individualisierung zusammen hängen. Mensch Nr. X hat im Laufe seines Lebens festgestellt, dass er sich körperlich von anderen Menschen unterscheidet, und dieser Vorgang führte zu einer Loslösung des ICH- Bewusstseins aus einem allgegenwärtigen ewigen Bewusstsein.

Ich glaube nicht, dass diese Frage durch “Naturalisierung” beantwortet werden kann. Wir müssen uns wohl eingestehen, dass es Dinge gibt, die rätselhaft bleiben, die wir einfach hinnehmen müssen. Die Tatsache unserer flüchtigen Individualität, die wir uns selbst erschaffen, weist darauf hin, dass das eigentliche Sein sich wohl jenseits der Individualität abspielt.