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Bin ich wirklich ICH?

Donnerstag, Januar 3rd, 2008

Im Jahre 1938 stellten mir meine Eltern einen Körper zur Verfügung, den ich seitdem vorübergehend bewohne. 

Bin ich wirklich ICH?

Sicher eine sehr merkwürdige Frage. Natürlich bin ich doch ICH, wer denn sonst? Im Englischen würde man die Worte “I” für ich und “me” für ICH benutzen. Die Schreibweise “ich” und “ICH” hat also seinen Grund. “ich” ist die Betrachtung aus der Außensicht, “ICH” aus der Innensicht, der 1.Person-Perspektive.

Folgende Tatsachen:

1 (eine “strange loop”): Die Natur hat evolutionär Wesen hervorgebracht, die in der Lage sind zu erkennen, dass die Natur evolutionär Wesen hervorgebracht hat, die in der Lage sind zu erkennen, dass …..

2 (noch eine “strange loop”): Eins dieser Wesen mit der fiktiven Seriennummer X sitzt hier und jetzt am Schreibtisch, denkt darüber nach, und schreibt das Gedachte auf dieses Blatt Papier, so dass darauf steht, dass eins dieser Wesen ….

3: Dieses Wesen Nr. X (“I”) hat das subjektive Bewusstsein von ICH (“me”), X könnte irgend jemand sein; dadurch, dass ICH mit dem Wesen Nr. X gekoppelt bin, wird mir diese Tatsache erst bewusst. Wenn es zwar dieses Wesen Nr. X gäbe, dieses Wesen aber nicht ICH, sondern irgend jemand anderes wäre, mich als ICH also nicht geben würde, dann könnte trotzdem jemand mit der Seriennummer X hier sitzen und genau den gleichen Text schreiben; einem Außenstehenden wäre das einerlei. Nur ICH würde es ja auch nicht merken, da es mich ja dann nicht geben würde. Da es mich aber ja offensichtlich gibt, muss ICH, so ist die Natur beschaffen, auch einen Körper mit einer bestimmten Seriennummer besitzen.

4: Warum aber gerade der Körper mit der Seriennummer X ? Wenn die Eizelle, aus der ich entstanden bin, von einer anderen Spermie befruchtet worden wäre, wäre das Wesen Nr. X dann mein Bruder oder meine Schwester, und mich gäbe es dann nicht? Müsste dann, damit ich ICH bin, meine Ahnenreihe bis an die Anfänge des Lebens genau so verlaufen sein, wie sie verlaufen ist? Dann wäre meine Existenz als Subjekt von einer grotesk geringen Wahrscheinlichkeit.

5: Damit Bewusstsein, und speziell auch ICH-Bewusstsein entsteht, ist ein gewisser Komplexgrad der Materie, dem Gehirn, notwendig. Nur solche komplexen Gehirne gab und gibt es viele Milliarden auf der Welt, und ausgerechnet dieses eine hier und jetzt besitzt dieses einmalige und individuelle ICH-Bewusstsein.Die Serien-Nummer X ist nur einmal vergeben. Körper Nr. X ist also einmalig auf der Welt. Dieser Körper ist aufgrund seines Gehirns und seiner Sinnesorgane so beschaffen, dass er ICH-Bewusstsein entwickeln kann.

6: Ich kann als ICH-Bewusstsein nur existieren durch Bindung an einen Körper, der so beschaffen sein muss, dass er ICH-Bewusstsein entwickeln kann, und der einmalig auf der Welt ist.

These:

7: Der zufällige und einmalige Körper Nr. X, der auf Grund seiner Struktur zu ICH-Bewusstsein fähig ist, bindet eine allgemeine, nicht individuelle Form von Bewusstsein an sich, die dann, da der Körper Nr. X einmalig ist, auch einmalig sein muss.

8: Da ICH somit als Bewusstsein gar nicht individuell bin, mir dieses nur auf Grund der Einmaligkeit des Körpers Nr. X, an den das allgemeine Bewusstsein gebunden ist, so scheint, kann die Ausgangsfrage “Bin ich wirklich ICH?” nur mit NEIN beantwortet werden. Wahr ist: ICH bin ein Universal-Bewusstsein, das, da es von einem individuellen Körper (Nr. X ) wahrgenommen wird, sich selbst für individuell hält.

9: Was wir als Bewusstsein erleben, ist ein aus einer allumfassenden Entität von unserem Gehirn gebildetes Konstrukt. Das bedeutet aber auch, dass anders geartete Lebewesen, aber auch andere Schichten von uns selbst aus dieser allumfassenden Entität ganz andere Konstrukte bilden können. Z.B. hat eine Katze höchstwahrscheinlich kein ICH-Bewusstsein, wie wir es kennen. Trotzdem erlebt die Katze intensiv etwas, wenn sie sich behaglich in den warmen Sonnenstrahlen ausstreckt. Diese Form des Erlebens wird aus der gleichen Quelle gebildet wie das Erleben des Bewusstseins, und speziell auch des ICH-Bewusstseins.

Du gleichst dem Geist, den du begreifst, Nicht mir! (Goethe)

10 (noch eine “strange loop”): Geist möchte sich selber begreifen. Dabei findet ein Regress mit einem Ebenen-Wechsel statt. Das erinnert sehr stark an Gödels Unvollständigkeitssatz. Dort tritt z.B. die Antinomie vom Lügner auf: “Diese Aussage ist falsch”. Ist sie wahr, dann ist sie falsch, ist sie aber falsch, dann ist sie wahr, etc. Also eine “strange loop”. Gödel hat gezeigt, dass Aussagen dieser Art grundsätzlich nicht zu eliminieren sind. Die mathematische Logik ist deshalb unvollständig. Beim Lügner wird eine Aussage über eine Aussage gemacht. Beim Geist, der sich selbst begreifen will, findet etwas Ähnliches statt. Deshalb ist es möglich, dass wir unseren eigenen Geist grundsätzlich niemals vollständig begreifen können. Es gibt da etwas, aus dem das Gehirn des Körpers Nr. X sein Ich-Bewusstsein bildet. Nur was dieses Etwas ist, das können wir vermutlich niemals erfahren.