Archive for August, 2007

Warum bin ich ICH ?

Montag, August 27th, 2007

Warum bin ich ICH ?

Noch einmal diese Frage: wie kommt es, dass dieser zufällige Körper Nr. X, einer von vielen Milliarden, die es bisher gegeben hat, und die es zur Zeit gibt, mit meinem subjektiv empfundenen ICH gekoppelt ist? Im Folgenden verstehe ich unter dem großgeschriebenen “ICH” immer das aus der Erste-Person-Perspektive betrachtete subjektiv empfundene ich.

Was wäre geschehen, wenn die Eizelle, aus der ich entstanden bin, von einer anderen Samenzelle befruchtet worden wäre, nehmen wir der Einfachheit halber an, auch eine mit Y-Chromosom? Dann gäbe es auch einen männlichen Körper Nr. X, aber würde es mich als ICH auch geben, oder gäbe es stattdessen einen Bruder von mir mit seinem eigenen ICH, und mich als ICH gäbe es nicht? Das Vertrackte dabei ist ja, dass für einen Außenstehenden diese Frage völlig irrelevant ist. Für ihn wäre da ein Körper Nr. X mit seinem eigenen ICH. Die Frage gibt nur dann einen Sinn, wenn sie aus der Erste-Person-Perspektive gestellt wird. Warum bin ich also ICH?

Versuchen wir es zunächst noch mal mit einer “Naturalisierung”, d.h. versuchen wir, diese Frage durch Reduktion auf physikalische Vorgänge zu beantworten. Es käme in Frage:1. meine Erbinformation: Hier gibt es zwei Probleme:

a: wenn meine Erbinformation zu meinem ICH geführt haben sollte, dann müsste meine gesamte Ahnenreihe bis in die Anfänge des Lebens genau so beschaffen sein wie sie ist, und mein ICH wäre von einer grotesk geringen Wahrscheinlichkeit.

b: da es eineiige Zwillinge gibt, die unterschiedliche ICHs haben, kommt die Erbinformation schon deshalb nicht in Frage.

2. meine Historie: Ich kann mich zwar im Nachhinein mit meiner Historie identifizieren (der das erlebt hat, der bin ICH), nur hat sich meine Entwicklung in weiten Teilen zufällig vollzogen, und wird es auch zukünftig tun, so dass meine Historie nicht zu einem stabilen ICH führen kann.

3. der Raumzeitpunk meiner Geburt oder Zeugung oder eines Raumzeitpunktes dazwischen: Dann müsste allerdings die Raumzeit bisher noch völlig unentdeckte Eigenschaften aufweisen, die z.Z. noch “mystisch” anmuten würden. Nun ist nicht auszuschließen, dass ein solcher Zusammenhang eines Tages entdeckt wird. Ich halte das allerdings für unwahrscheinlich.

4. mein Gehirn: Für eine Reduktion auf Hirnfunktionen kommt nur die Historie in Frage, denn diese wird im Gehirn gespeichert. Wir haben aber gesehen, dass die Historie zur Bestimmung des ICH ausscheidet. Wenn noch andere Eigenschaften des Gehirns zu meinem ICH führen würden, dann wären diese allerdings hochgradig seltsam. Wo sollte denn im Gehirn des Körpers Nr. X dieses einzigartige Etwas lokalisiert sein, das zu genau diesem ICH geführt hat?

Wir kennen aus der Schizophrenie, dass ein Körper auch mehrere ICHs haben kann, aber ist das Umgekehrte auch möglich, das ICH auf mehrere Körper verteilt? Das würden wohl die meisten von uns spontan zurückweisen, ich weiß doch, dass ich zu genau diesem Körper Nr. X gehöre, und zu keinem anderen.

Nur nehmen wir mal an, es wäre tatsächlich so, dass mein ICH auf mehrere Körper verteilt wäre. Könnte der Körper Nr. X denn überhaupt davon erfahren? Das mit meinem Körper Nr. X gekoppelte ICH kann nur auf die in dem Gehirn des Körpers Nr. X gespeicherte Historie zugreifen und sich damit identifizieren. Befindet sich das ICH zusätzlich in einem anderen Körper, dann kann es sich nur mit der Historie dieses anderen Körpers identifizieren, der Körper Nr. X erfährt davon nichts.

Wir können also durchaus annehmen, dass es überhaupt nur ein ICH gibt, das auf alle Körper verteilt ist, und nur die Historie jedes einzelnen Körpers gibt diesem das Gefühl der Individualität. Aus dem ICH ist jetzt etwas geworden, das uns unter dem Begriff „Allheit“, „Weltseele“, „Weltgeist“ „Tao“, etc. bekannt ist, womit wir dann schließlich bei alten Bekannten der Philosophie-Geschichte gelandet wären, und bei dem Brahman = Athman der Brahmanen. Das tat twam asi passt auch sehr gut dazu.

Es gibt materielle Individuen und nur eine einzige Seele !

Die materiellen Individuen sind, sofern es sich um Lebewesen handelt, gewissermaßen die „Sinnesorgane“ der Seele. 

Dadurch erhalten wir auch einen Bezug zu meinem Artikel „Ästhetik“. 

Diese Theorie ist anti-reduktionistisch, und zunächst auch dualistisch. Wie ich in dem Beitrag „Ich-Gefühl und individuelle Historie“ dargelegt habe, kann der Dualismus von einer höheren Warte aus betrachtet zum Monismus werden, bei dem Geist und Körper Teile einer übergeordneten Einheit sind.

Natürlich ist mir klar, dass diese Theorie nicht falsifizierbar ist, es sich also um keine wissenschaftliche Theorie handelt. Die Frage ist nur, ob das ICH-Problem überhaupt vollständig wissenschaftlich gelöst werden kann, oder ob es nicht notwendig ist, Theorien hinzuzufügen, die eher der Mystik zuzuordnen sind. Vielleicht können wir auf den Glauben nicht ganz verzichten, wodurch für das Leben eine gewisse Offenheit gewahrt bleibt, die das Leben doch irgendwie spannender macht.

Vielleicht beweist uns ja eines Tages ein „Gödel Nr. 2“, dass unser gesamtes Wissen prinzipiell ebenso unvollständig ist wie die mathematische Logik. Die Reduktionisten befänden sich dann in der Rolle eines „Hilbert Nr.2“.

Ästhetik

Samstag, August 11th, 2007

Ästhetik

Warum singen Vögel so schön, warum sind sie so bunt ? Vögel singen nicht für uns Menschen, sondern um ihren Weibchen zu imponieren, und aus dem gleichen Grund haben sie ihr prächtiges Federkleid. Offensichtlich haben Vogelmännchen und Menschen einen ähnlichen Geschmack.

Man könnte Schönheit rein physikalisch begründen: harmonische Obertöne, Komplementärfarben etc. Tatsache ist aber ja, dass wir etwas fühlen, wenn wir Vogelgesang hören oder sein buntes Federkleid sehen. Für die Evolution ist Fühlen nicht notwendig. Es würde völlig ausreichen, wenn das Vogelweibchen auf den Gesang und das Aussehen des Männchens einfach nur reagiert. Offensichtlichen lassen sich nicht ale Eigenschaften des Lebens evolutionär begründen.

In meinem Beitrag Ich-Gefühl und individuelle Historie habe ich die These aufgestellt, dass unsere materielle Welt nur eine Teilmenge einer möglicherweise unendlichen und ewigen über-individuellen Entität ist. Es ist der zeitlose, ewige Ursprung, aus der alle Individuen ihren zeitlich begrenzten Anfang nehmen, und in dem alle Individuen der Welt miteinander verbunden sind. Diese Entität ist dann auch der Ursprung des Ästhetischen, und von daher ist zu verstehen, weshalb alle Lebewesen, deren Gehirne Bewusstsein entwickeln können, einen ähnlichen „Geschmack“ haben wie wir Menschen.

Wie sieht es mit dem Farbensehen aus? Auf unsere Netzhaut treffen Photonen mit einer Wellenlänge von 700 nm. Was wir aber sehen, ist die Farbe rot. Niemand kann sagen, ob alle Menschen die Farbe rot gleich sehen, rot-grün-blinde Menschen sicherlich nicht. Farbwahrnehmung kann nur aus der Erste-Person-Perspektive erlebt werden.

Wer Farben wahrnehmen kann, ist in der Lage, die Welt differenzierter wahrzunehmen, was sicherlich evolutionäre Vorteile hat. Nur das Wahrnehmen von Farben bleibt ein Erlebnis aus der Erste-Person-Perspektive, und ist damit objektiv nicht beschreibbar. Und es ist doch auch einigermaßen beruhigend, dass es persönliche Erlebnisse gibt, die kein Hirnforscher in unserem Gehirn messen kann. Er kann höchstens messen, dass wir die Farbe rot sehen, er kann aber nicht feststellen, wie wir die Farbe rot sehen. Z.B.:

Ich befinde mich in einer Kernspin-Tomografie-Röhre, in einem von meinem Raum abgetrennten Nebenraum sitzt ein farbenblinder Neurobiologe und beobachtet an Monitoren meine Hirnaktivitäten. Jemand tritt zu mir und hält mir einen Strauß roter Rosen vors Gesicht. Der Neurobiologe ruft mir über Mikrofon und Lautsprecher zu, er habe gerade anhand meiner Hirnaktivitäten festgestellt, dass ich etwas Rotes sehe.

Weis der Neurobiologe jetzt, wie die Farbe Rot aussieht?

In den Bereich der Qualia gehört auch die flüchtige Welt der Gefühle, die allerdings von anderer Art ist als z.B. die Farb-Wahrnehmung. Wer mindestens einmal die Farbe rot gesehen hat, kann sich diese Farbe auch bei geschlossenen Augen vorstellen. Er erinnert sich daran, wie die Farbe rot aussieht, der Farbeindruck ist offensichtlich im Gedächtnis gespeichert, und kann wieder abgerufen werden. Das ist eine wichtige Voraussetzung für das Erkennen von Farben. Mit unseren Gefühlen sieht das anders aus; sie sind flüchtig.

Ich gehe im Wald spazieren. Plötzlich stehe ich auf einer Lichtung vor einer wunderschönen Blume. In meinem Inneren tut sich etwas, ich habe ein Gefühl. Ich eile nach Hause, stelle mich vor eine Leinwand, und male aus dem Gedächtnis die Blume. Je nach dem, wie gut mein malerisches Vermögen ist, und wie gut ich die Blume in der Erinnerung habe, male ich sie einigermaßen naturgetreu auf die Leinwand. Nur das Gefühl, das ich beim Anblick der Blume hatte, ist nicht reproduzierbar. Ich bin nicht in der Lage, dieses Gefühl jederzeit aus dem Gedächtnis abzurufen. Das ist wohl auch gut so, sonst würden wir uns wohl wie die Morphinisten ständig irgendwelchen erlebten Gefühlen hingeben, und dabei unsere lebensnotwendigen Tätigkeiten vernachlässigen und schließlich zugrunde gehen. Wir können uns zwar daran erinnern, dass wir Gefühle hatten, nur die Gefühle selber sind nicht reproduzierbar. Es handelt sich bei Gefühlserlebnissen um einmalige flüchtige Vorgänge. Und was nicht erinnert werden kann, ist zeitlos, ewig. Gefühle sind nicht Inhalte unserer individuellen Historie, und somit auch nicht zu unserer Individualisierung geeignet. Mit ihnen haben wir eine direkte Verbindung zur übergeordneten Entität.