Archive for Juli, 2007

Leben nach dem Tod ?

Samstag, Juli 21st, 2007

…Ist es nicht unlogisch, davor [vor dem Tod] Angst zu haben,
wo ich dieses plötzliche Erlöschen doch gar nicht mehr erleben werde…?
Amadeu Inácio de Almeida Prado (aus dem Roman „Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier).

Eines Morgens wachst du auf und bist nicht mehr am Leben.
Über Nacht, wie Schnee und Frost, hat es sich begeben.
Aller Sorgen dieser Welt bist du nun enthoben.
Krankheit, Alter, Ruhm und Geld sind wie Wind zerstoben.
Friedlich sonnst du dich im Licht einer neuen Küste
ohne Ehrgeiz, ohne Pflicht. – Wenn man das nur wüsste!
Mascha Kaléko

 

Definitionsgemäß endet das Leben mit dem Tod, so dass die Aussage:
es gibt ein Leben nach dem Tod
in sich widersprüchlich ist, und die obige Frage nur mit „nein“ beantwortet werden kann.
Betrachten wir, wie die einzelnen Begriffe definiert sind:

Als Leben bezeichnet man eine metaphysische Entität, die dann gegeben ist, wenn die charakteristischen Eigenschaften eines Lebewesens beobachtbar sind, etwa Selbstregulierung, Reproduktion und bei komplexeren Formen auch Zweckverfolgung. (aus Wikipedia) Der Tod ist der unumkehrbare Verlust der für ein Lebewesen typischen und wesentlichen Lebensfunktionen (aus Wikipedia)
Was ist nun metaphysische Entität ?
Die Metaphysik (lat.metaphysica, von gr. metá „nach, über“ und phýsis „Natur, natürliche Beschaffenheit“, d.h. „was nach der Natur kommt“) ist die Grunddisziplin der Philosophie. Sie behandelt die zentralen Probleme der theoretischen Philosophie in universal angelegten Systementwürfen: die Fundamente (Voraussetzungen, Ursachen oder „ersten Gründe“) und allgemeinsten Strukturen (Gesetzlichkeiten, Prinzipien) sowie den Sinn und Zweck der gesamten Wirklichkeit bzw. allen Seins.
(aus
Wikipedie)
Entität ist in der Philosophie ein ontologischer Sammelbegriff, der alle Phänomene bezeichnet. So werden Gegenstände, Eigenschaften, Prozesse, usw. als Entitäten zusammengefasst. Will man von der Existenz eines Phänomens reden, das jedoch nicht weiter spezifiziert werden soll, so nennt man es eine Entität.
(aus
Wikipedia)
Da das Leben als metaphysische Entität bezeichnet wird, gilt das gleiche dann wohl auch für den Tod. Der Tod ist somit nicht unbedingt das endgültige Ende unseres Seins, sondern es kann auch ein Übergang in eine andere Realität sein. Es ist letztlich eine Sache des Glaubens.
Wir können allerdings sagen, was mit dem Tode alles nicht mehr vorhanden ist:
Da unser Gehirn im Tod sein Funktionalität verliert, ist somit die durch unsere Historie festgelegte Individualität nicht mehr gegeben. Mit dem Tode verlieren wir unsere Individualität! Durch den Verlust der Funktionen von Gehirn und Sinnesorganen geht jeglicher Kontakt zur physischen Welt, und jede Möglichkeit der gedanklichen Erfassung der Welt, verloren. Das „Konstruieren“ der Zeit durch unser Gehirn ist dann auch nicht mehr möglich, so dass ein „danach“ von daher auch sinnlos ist.
Ist nun aber die Tatsache, dass wir im Tiefschlaf oder während einer Bewusstlosigkeit anscheinend nichts erleben, einfach nur absolutes schwarzes NICHTS herrscht, der Beweis dafür, dass der Tod ebenfalls ein endgültiges absolutes schwarzes NICHTS bedeutet? Das wäre dann ein Trugschluss, wenn im Tiefschlaf oder während einer Bewusstlosigkeit einfach nur die Möglichkeit unterbunden wäre, etwas in unser Gedächtnis aufzunehmen, so dass wir uns an nichts erinnern könnten, was während dieses Zustandes geschehen ist.
Der Tod ist ein Übergang zu etwas ganz Anderem. Dieses ganz Andere, und doch irgendwie Vertraute muss, da es zeitlos und unsterblich ist, bereits während des Lebens in uns vorhanden sein, das durch unsere Alltagssorgen nur überdeckt wird. Somit könnte man den Tod wohl auch eher als eine Art Abwerfen einer Hülle bezeichnen, so dass dann der Wesenskern zutage tritt. Es besteht dann allerdings die Gefahr, das Leben für sinnlos zu halten. Das ist es sicher nicht; wir selber müssen unserem Leben allerdings einen Sinn geben, wobei die Leidensfähigkeit aller Lebewesen hier einen Hinweis gibt.
Allerdings kann dieses ganz Andere auch einfach NICHTS sein; das können wir nicht genau wissen; wir bewegen uns hier im Bereich des Glaubens! „Glaubensgewissheit“ ist ein Widerspruch in sich, und damit unmöglich. Gerade die Ungewissheit ist ja der Antrieb für ständig neues Nachdenken.
Ein Hinweis auf dieses ganz Andere könnte allerdings das Ästhetische sein.
Hinweise auf dieses ganz Andere findet man in der Mystik, z.B. bei Meister Eckhart, im Zen-Buddhismus und im Taoismus.
Hierzu siehe auch Negative Theologie in Wikipedia
 

 

ICH-Gefühl und individuelle Historie

Freitag, Juli 13th, 2007

ICH-Gefühl und individuelle Historie

Beschränken wir uns auf homo sapiens. Milliarden davon hat es gegeben, Milliarden gibt es in diesem Augenblick. Und jeder von allen hat ab einem bestimmten Zeitpunkt seines Lebens ICH gesagt. Was ist es nun, das all diesen vielen Menschen das Gefühl gibt, einmalig zu sein? Worin unterscheiden sich die Menschen? Die Gene kommen nicht in Frage, weil es eineiige Zwillinge gibt, die unterschiedliche Menschen sind. Das einzige Unterscheidungsmerkmal der Menschen untereinander ist deren individuelle Historie. Es ist die Möglichkeit des Erinnerns, die jeden von uns einzigartig macht. Damit ist jeder Mensch auch nur solange ein ganz bestimmtes ICH, solange er erinnerungsfähig ist. Würde ich eines Morgens aufwachen, und mein Gedächtnis wäre gelöscht, dann wäre mein bisheriges ICH gestorben, und in meinem Körper würde ein neues ICH entstehen mit einer neuen Historie, die bis zu dieser tragischen Nacht reicht, und nicht weiter.

Nur wie kommt diese Beziehung zwischen ICH-Gefühl und individueller Historie zustande? Diese Frage kann, wenn überhaupt, nur aus der Erste-Person-Perspektive angegangen werden. Nur wer ist diese Erste-Person? Wie kommt es, dass dieser Mensch, der an einem bestimmten Ort zu einem bestimmten Zeitpunkt geboren wurde, ICH bin. Wäre ich noch ICH, wenn eine andere Spermie die Eizelle befruchtet hätte, aus der ich entstanden bin? Oder wäre ich dann mein Bruder oder meine Schwester, und mich gäbe es dann nicht? Nur dann könnte ich diese Fragen ja gar nicht stellen, sondern höchstens mein Bruder oder meine Schwester; ein Außenstehender würde davon nichts merken.

“Was wäre wenn …”-Fragen können zwar gestellt werden, sie laufen aber immer ins Leere. Was wäre, wenn meine Eltern mich nicht gezeugt hätten? Dann gäbe es mich nicht, oder vielleicht doch, aber in einem anderen Körper? Was wäre, wenn Opa nicht Oma geheiratet hätte, sondern eine andere? Was wäre, wenn in meiner langen bis in die Anfänge des Lebens reichenden Ahnenreihe das Ei einer bestimmten Echse von einer anderen Spermie befruchtet worden wäre? Was wäre, wenn die Erde eine etwas andere Größe hätte, und auf einer anderen Bahn kreisen würde?

Wenn alle die Vorgänge in meiner Ahnenreihe, so wie sie stattgefunden haben, für meine individuelle Existenz notwendig gewesen wären, dann wäre die Wahrscheinlichkeit meiner Ich-Existenz derart grotesk gering, dass es mich eigentlich gar nicht geben dürfte.

Eine zweite Möglichkeit der Reduktion auf das Physische bestünde darin, der Raumzeit eine bisher noch völlig unbekannte Eigenschaft zuzubilligen. Meine Zeugung und Geburt fand zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort statt. Das müsste dann irgendwie zu meinem individuellen ICH-Gefühl geführt haben.

Diese beiden Möglichkeiten berücksichtigen allerdings nicht den Einfluss meiner Historie auf mein ICH-Gefühl.

Wir können natürlich ganz positivistisch sagen, dass Menschen die Eigenschaft haben, ein ICH-Gefühl zu entwickeln. Es gibt Menschen, und einer davon bin ich, also muss ich ein ICH-Gefühl entwickelt haben. Dann müsste aber mein Gehirn in der Lage sein, nicht nur irgendein ICH-Gefühl zu entwickeln, sondern dieses ganz spezielle individuelle ICH-Gefühl desjenigen, der hier sitzt und den Text tippt.

Milliarden von Menschen haben dieses ICH-Gefühl, jeder ist ein ICH-Sager, und einer davon bin ich. Wie kommt dieses Gefühl zustande? Ich werde geboren, nehme etwas wahr, und speichere das Wahrgenommene in meinem Gedächtnis. Jetzt erinnere ich mich an das Wahrgenommene: “das habe ich erlebt!”, und damit identifiziere ich mich. Nur alle anderen Menschen sind genau so vorgegangen, und ausgerechnet bei dem einen, der hier und jetzt am Computer sitzt und schreibt, tritt dieses ganz individuelle ICH-Gefühl auf. Wieso das?

Ich sehe nur eine Möglichkeit, dieses Problem zu erhellen: Wir müssen annehmen, dass die physische Welt nur ein Teil einer übergeordneten Einheit ist, und dass aus dieser übergeordneten Einheit durch physikalische Vorgänge im Gehirn dieses individuelle ICH-Gefühl herauskristallisiert wird. Der Geist – Körper – Dualismus wäre damit aufgehoben, die Welt wäre dann diese übergeordnete Einheit.

Das erinnert an den 1931 von Kurt Gödel formulierten Unvollständigkeitssatz:

Alle widerspruchsfreien axiomatischen Formulierungen der Zahlentheorie enthalten unentscheidbare Aussagen.

Eine Folge daraus ist der Satz:

Für diesen Satz der Zahlentheorie gibt es im System der Principia Mathematika keinerlei Beweis.

(Principia Mathematik (P.M.) ist ein von Whitehead und Russel entworfenes mathematisches Werk).

Man versuche z.B. die folgende Aussage auf ihren Wahrheitsgehalt (wahr oder falsch ?) zu überprüfen:

Diese Aussage ist nicht beweisbar !

Man könnte P.M. nun erweitern, und alle unentscheidbaren Aussagen als Sätze mit einem festgelegten Wahrheitsgehalt hinzufügen. Gödel hat gezeigt, dass dieses erweiterte System nun seinerseits wieder unentscheidbare Aussagen enthält, also unvollständig ist, ad infinitum.

Gödels Theoreme beziehen sich auf P.M. und verwandte Systeme, bewegen sich also im Rahmen der mathematischen Logik.

Generell geht es darum, dass ein System nicht zum Beweis seiner eigenen Widerspruchsfreiheit herangezogen werden kann (oder salopp ausgedrückt: niemand kann sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen), weil wir uns in einer „strange loop“ verheddern.

Als wir oben über das individuelle ICH-Gefühl nachdachten, standen wir vor einem ganz ähnlichen Problem. Wir müssen zur Lösung des Geist – Körper – Problems Geist aufwenden, den wir ja erst begreifen wollen: wir sind in einer „strange loop“ gefangen.

Wir mussten das System erweitern, um von einer übergeordneten Sicht aus einem Verständnis des ICH-Gefühls näher zu kommen. Vielleicht müssen wir uns, um zu widerspruchsfreien Aussagen zu gelangen, ja genau so ins Unendliche hinaufschrauben, wie es bei Gödels Theorem wäre, um ein vollständiges und widerspruchsfreies System zu erhalten.

Was hat das nun mit unserer individuellen Historie zu tun? Meine These lautet, dass die materielle Welt, wie wir sie wahrnehmen, nur eine Untermenge von etwas ist, in dem keine Geist – Körper – Trennung vorhanden ist. Die materielle Welt besteht aus leblosen und lebenden Individuen. Wir Menschen, und wahrscheinlich auch andere höhere Tiere, identifizieren uns mit unserer individuellen Historie, die einmalig und einzigartig ist, und werden selber dadurch zu einmaligen und einzigartigen Individuen, und dadurch entsteht unser ICH-Gefühl: der oder die das und das erlebt hat, bin ich.

Das bedeutet aber auch, dass unsere Existenz als individuelle ICH-Sager nur während der Zeitspanne vorhanden ist, in dem in unserem Gehirn diese Historie gespeichert ist. Wird die Historie gelöscht, durch Tod oder Krankheit oder Unfall, dann ist es vorbei mit unserer Existenz, d.h. uns als Individuen gibt es dann nicht mehr.

In der materiellen Welt existieren wir als zeitlich begrenzte Individuen. In der übergeordneten Welt gibt es keine Zeit, keinen Raum und keine Individuen, und in ihr gibt es keine Geist – Körper – Trennung. Es ist der zeitlose, ewige Ursprung, aus der alle Individuen ihren zeitlich begrenzten Anfang nehmen, und in dem alle Individuen der Welt miteinander verbunden sind.

Lassen sich Qualia auf Hirnfunktionen reduzieren?

Sonntag, Juli 8th, 2007

Ich befinde mich in einer Kernspin-Tomografie-Röhre, in einem von meinem Raum abgetrennten Nebenraum sitzt ein farbenblinder Neurobiologe und beobachtet an Monitoren meine Hirnaktivitäten. Jemand tritt zu mir und hält mir einen Strauß roter Rosen vors Gesicht. Der Neurobiologe ruft mir über Mikrofon und Lautsprecher zu, er habe gerade anhand meiner Hirnaktivitäten festgestellt, dass ich etwas Rotes sehe.

Weiss der Neurobiologe jetzt, wie die Farbe Rot aussieht?

Sein oder Nichtsein

Freitag, Juli 6th, 2007

Ergibt die Aussage:

“Wenn meine Eltern mich nicht gezeugt hätten, dann gäbe es mich nicht!”

irgendeinen Sinn?

Da es mich in dem angegebenen Fall ja nicht geben würde, könnte ich diese Aussage dann ja auch nicht machen. Somit ist die Aussage nichtssagend, und damit unsinnig. Ähnlich verhält es sich am anderen Ende:

“Wenn ich gestorben bin, dann gibt es mich nicht mehr!”

Aus dem gleichen Grunde eine unsinnige Aussage. Alles konzentriert sich somit auf das Sein. Das Nichtsein ist aus der Erste-Person-Perspektive logisch nicht möglich.

Das Gegenstück zur ersten Aussage lautet:

“Weil meine Eltern mich gezeugt haben, gibt es mich!”

Diese Aussage ist zumindest zweifelhaft. Ich weiß ja gar nicht, ob es mich in jedem Fall gegeben hätte. Wenn eine andere Spermie die Eizelle, aus der ich entstanden bin, befruchtet hätte, wäre ich dann mein Bruder oder meine Schwester, und mich gäbe es dann nicht? Eine ebenso unsinnige Frage, die ich ja nur stellen kann, weil es mich nun mal gibt.

Natürlich handelt es sich hier um Fragen der Logik, und nicht etwa um den Beweis der Unsterblichkeit. Es bedeutet nur, dass sich das Nichtsein irgendeiner Deutung entzieht.

Nach konstruktivistischer Auffassung sind wir selber die Erfinder der Zeit, unserer Zeit (im Gegensatz zu Kant, der Zeit als a priori auffasste). Damit hängt die Zeit eng mit unserem Sein zusammen. Zeit gibt es nur, wenn wir sind, die Frage nach einem danach (nach dem Tode) ist deshalb ebenso unsinnig.

Auf all diese Fragen würde ein Zen-Meister wohl mit einem Koan antworten.