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Perspektiven der Wirklichkeit

Dienstag, April 24th, 2007

Es geht hier darum, gewisse Irritationen zu beheben, die sich aus der Tatsache ergeben, dass ein und dieselbe Sache aus der „Innensicht“ und der „Außensicht“ unterschiedlich wahrgenommen wird.
Unter „Innensicht“ oder auch „Erste Person – Perspektive“ sei hier eine Betrachtungsweise verstanden, wie ich sie selbst als Subjekt wahrnehme. Die „Außensicht“ oder „Dritte Person – Perspektive“ ist die Betrachtungsweise eines Außenstehenden, des Beobachters, dessen Beobachtungsobjekt ich selber bin.
Wie unterschiedlich die Betrachtungsweisen sein können, sehen wir z.B. am Existenz-Problem:
Mich gibt es als Körper Nr. X mit den typischen körperlichen und intellektuellen Fähigkeiten eines durchschnittlichen Menschen, sicher mit für mich typischen Eigenheiten. So würden mich wohl die meisten meiner Mitmenschen wahrnehmen. Betrachte ich mich aber selbst, so ist die Frage, wieso der Körper Nr. X mit meinem bewussten „Ich bin hier und jetzt“ gekoppelt ist, sicher schwieriger, wenn überhaupt, zu beantworten. Dieser Körper Nr. X könnte doch genau so gut mein Bruder sein, und mich gäbe es dann nicht. Welche Voraussetzungen muss der Körper Nr. X denn haben, damit aus der Innensicht „Ich bin hier und jetzt“ von meinem bewussten Ich (dem Selbst) wahrgenommen wird. Wenn am Tage meiner Empfängnis die Eizelle, aus der ich entstanden bin, von einer anderen Spermie befruchtet worden wäre, wäre der Körper Nr. X dann mein Bruder oder meine Schwester, und mich als „Ich bin hier und jetzt“ gäbe es dann nicht? In dem Fall könnte der Körper Nr. X genau die gleiche Frage stellen, für einen Außenstehenden wäre das völlig gleich. Nur käme die Frage dann nicht von „Ich bin hier und jetzt“, weil es mich dann ja nicht gäbe. Die Frage würde, wenn sie denn überhaupt gestellt werden würde, von meinem Bruder oder meiner Schwester gestellt. Für mich ist die Frage einerseits von existentieller Bedeutung, gleichzeitig aber auch absurd: ich kann die Frage nur stellen, weil es mich gibt. Dann bräuchte ich aber gar nicht erst zu fragen. Ein Zen-Meister würde diese Frage wohl mit einem Koan beantworten.
Menschen, die an Schizophrenie leiden, können mehrere „Ich bin hier und jetzt“ in ihrem Gehirn beherbergen, zwischen denen sie dann springen können. Bei Menschen mit einem durch Unfall oder Erkrankung verursachten teilweisen Verlust des Gedächtnisses wird nach der Genesung häufig von einer Persönlichkeits-Änderung gesprochen, so als ob sie jetzt ein anderes „Ich bin hier und jetzt“ wären. Das können wir aber nur aus der „Außensicht“ beurteilen. Wenn wir den Betroffenen sagen würden: „Du bist ja gar nicht mehr Duselbst“, dann würde er wohl protestierend widersprechen, denn er kann ja aufgrund seines Gedächtnisverlustes nicht wissen, ob er früher jemand anderes war.
Selbst wenn unsere individuelle Historie unsere Persönlichkeit entscheidend prägt, ist damit das „Ich bin hier und jetzt“ noch lange nicht geklärt. Warum war Napoleon an seinem „Ich bin hier und jetzt“ im 18. und 19. Jahrhundert Napoleon, und warum bin ich gerade hier und jetzt „Ich bin hier und jetzt“? Søren Kierkegaard ist dieser existentiellen Frage wohl am intensivsten nachgegangen, beantwortet sie in „Entweder-Oder der absoluten Wahl“ dann allerdings aus seinem christlich-lutherischen Glauben heraus, wobei der Aspekt des Wählens und Annehmens seiner selbst von Bedeutung ist. Antworten, die aus einem bestimmten Glauben heraus abgeleitet werden, können natürlich niemals objektiv sein.
Bei der Frage nach der Willensfreiheit ergeben sich ähnliche Probleme. Einige Neurowissenschaftler (z.B. Singer, Roth, Prinz) mögen uns ja den freien Willen absprechen, und führen u.U. dafür die Libet-Experimente an. Ich selber würde aus der Dritten-Person-Perspektive sagen, dass wir bedingt frei in unseren Entscheidungen sind, weil unsere Sozialisation eine wichtige Rolle spielt. Aus der Erste-Person-Perspektive werde ich meine Entscheidungen aber immer als frei bezeichnen, ganz egal was Hirnforscher in meinem Gehirn messen. Von irgendwelchen Bereitschafts-Potentialen in meinem Gehirn merke ich nichts. Ich entscheide mich jetzt, meine Hand zu heben, und tue das aus freier Entscheidung.
Ein weiteres Beispiel für unterschiedliche Betrachtungsweisen aus der Innensicht und der Außensicht ist das Qualia-Problem:
Ein Beobachter stellt fest, was in unserem Körper geschieht, wenn Photonen mit einer Wellenlänge von sagen wir 750 nm die Netzhaut unseres Auges trifft. Er wird dann wohl feststellen, dass in gewissen Bereichen unseres Gehirns für diesen Vorgang typische Erregungsmuster entstehen. Aus der „Innensicht“ stelle ich aber ganz was anderes fest, nämlich dass ich die Farbe „Rot“ sehe. Das ist aber eine ganz individuelle Interpretation dieses Vorgangs. Wir haben uns zwar geeinigt, dass ein bestimmter Gegenstand, den wir wahrnehmen, die Farbe „Rot“ hat, nur die Farbempfindung ist eine ganz individuelle Angelegenheit. Würden wir zu den 8% rot-grün-blinden Männern gehören, würden wir die Welt ganz anders sehen.
Stellen wir uns folgendes Experiment vor: Ich befinde mich in einem Messraum, an meinem Kopf sind Elektroden befestigt. In einem Nebenraum befindet sich ein farbenblinder Neurobiologe, der auf einem Monitor meine Gehirnströme beobachtet. Jemand hält mir einen Strauß roter Rosen vors Gesicht. Der Neurologe ruft mir zu: „Ich habe anhand der Messkurven festgestellt, dass du gerade etwas rotes gesehen hast!“. Weiß der Neurologe jetzt, wie die Farbe „Rot“ aussieht? Sicherlich nicht. Siehe dazu auch die Arbeit What is it like to be a bat? von Thomas Nagel. (in The Philosophical Review, Oktober 1974.)
In den Bereich der Qualia gehört auch die flüchtige Welt der Gefühle, die allerdings von anderer Art ist als z.B. die Farb-Wahrnehmung. Wer mindestens einmal die Farbe rot gesehen hat, kann sich diese Farbe auch bei geschlossenen Augen vorstellen. Er erinnert sich daran, wie die Farbe rot aussieht, der Farbeindruck ist offensichtlich im Gedächtnis gespeichert, und kann wieder abgerufen werden. Das ist eine wichtige Voraussetzung für das Erkennen von Farben. Mit unseren Gefühlen sieht das anders aus; sie sind flüchtig. Wir hören ein wunderschönes Musikstück, und in unserem Innern tut sich etwas, wir haben ein Gefühl. Nur sind wir nicht in der Lage, dieses Gefühl jederzeit aus dem Gedächtnis abzurufen. Das ist wohl auch gut so, sonst würden wir uns wohl wie die Morphinisten ständig diesen Gefühlen hingeben, und dabei unsere lebensnotwendigen Tätigkeiten vernachlässigen und schließlich zugrunde gehen. Wir können uns zwar daran erinnern, dass wir Gefühle hatten, nur die Gefühle selber sind nicht reproduzierbar. Es handelt sich bei Gefühlserlebnissen um einmalige flüchtige Vorgänge. Und was nicht erinnert werden kann, ist zeitlos, ewig.
Das Besondere ist dabei, dass Gefühle ein gemeinsames Band sind, dass mindestens alle Wirbeltiere mit uns teilen. Nicht für uns singt die Nachtigall, und trotzdem löst deren Gesang Gefühle bei uns aus. Das brahmanische tat twam asi (das bist Du!) verdeutlicht dies. Dazu ein Zitat aus: Transspiritualität Liebe als kosmische Evolution
Akzeptieren wir dagegen das Lebensprinzip des tat twam asi, erkennen wir uns in allem, was wir sind und bekennen uns zu allem, was uns begegnet. Es gibt nun keine Aufteilung mehr in Gut und Böse. Alles ist, was es ist, und all das sind wir; das heißt wir sind eins mit allen Erscheinungen des Lebens, die sich in unserem Bewusstsein spiegeln. Wir erfahren keine Grenzen mehr zwischen uns und der Welt und können deshalb alles so lieben, wie es ist.
Es stellt sich hier die Frage nach den Grenzen des Wissbaren. Ich nehme an, dass wir aus der Außensicht immer tiefere Einsichten in die Funktionsweise der Welt erhalten, auch wenn wir wohl niemals sagen können, dass wir jetzt alles verstanden haben: nach jeder beantworteten Frage eröffnet sich eine neue Schar von zu lösenden Rätseln. Die Außensicht ist das Gebiet der Logik und der Reduktion.
Aus der Innensicht stoßen wir dagegen sehr schnell an Grenzen, die rational nicht überwunden werden können. Wahrheiten kann hier nur jeder in sich selbst in einem mystischen Erlebnis finden. Deshalb verwirrt ein Zen-Lehrer ja auch seine Schüler mit Koans, die ja scheinbar völlig absurd und sinnlos sind. Das Ziel der Koan-Praxis ist die Erkenntnis der Nichtzweiheit. Die Illusion, dass die Dinge unterschieden sind und dass das Ich eine eigene, vom Rest abgegrenzte Existenz hätte, soll sich in der Übung mit dem Koan auflösen.
 

 

Ein Mönch sagte zu Jôshû:
„Ich bin gerade erst ins Kloster eingetreten. Bitte unterweise mich.“
Jôshû fragte: „Hast du deinen Reisbrei schon gegessen?“
„Ja.“
„Dann geh und säubere deine Schale.“

Siehe auch z.B.: Zenkreis Bremen  

Musik, bildende Kunst, Poesie sind Ausdrücke der Innensicht. Wenn die Amsel ihr Liedchen singt, teilt sie uns Aspekte ihres Innenlebens mit.
Die Innensicht ist der Bereich der Ästhetik, die Außensicht der Bereich der Logik. Die Ethik kann als verbindendes Glied aufgefasst werden.
Auf den ersten Blick mag diese Vorstellungsweise dualistisch erscheinen. In Wahrheit sind es aber nur zwei Seiten einer Medaille. (Ähnlich wie im Taoismus Jin und Jang sich in einem Kreis als Symbol des Tao vereinigen). Nur der Versuch, die Innenperspektive, die subjektive Seite, zu objektivieren, um sie dann zu reduzieren (wie z.B. Patricia Churchland es versucht), dürfte wohl scheitern. Objektive Wissenschaften haben Hervorragendes geleistet, und werden auch noch weiter Hervorragendes leisten, bis hin zur Reduktion auf eine Weltformel (unabhängig davon, ob das Ziel jemals erreicht wird). Subjektivität hat ebenfalls Hervorragendes geleistet, und wird es auch noch weiterhin tun. Es sind die Werke Bachs, Mozarts, Beethofens, Shakespeares, Goethes, Dostojewskis, Kafkas, Rembrands, van Goghs, Noldes ….. , und die Äußerungen vieler Menschen und Tiere, die sich aus der Subjektivität äußern. Eine Vermischung der Methoden beider Aspekte führt in eine Sackgasse.

Patricia Churchland (zum Beispiel) versucht, das Subjekt zum Objekt zu machen, und dann auf der objektiven Seite zu reduzieren (so habe ich sie jedenfalls verstanden). Das halte ich allerdings für eine Kategorien-Vermischung, die zu keinem Erfolg führen wird. Wenn ich Thomas Nagel richtig verstanden habe, versucht er dagegen, beide Seiten zu belassen, und auf einer noch zu entdeckenden darüberliegenden Ebene auf eine noch nicht bekannte Weise zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Es geht also darum, aus dem Subjekt – Objekt – System herauszutreten (Das erinnert in der Vorgehensweise an Gödels Theorem).
(Letzte Änderung: 16.06.07)